Ortler Report 2006

Vinschgau – Ortlergebiet – Suldental – Martelltal – Schnalstal – Ötztaler Alpen

von Michael – mit Stevie

1.Tag: Ankunft in Sulden – Aufstieg zur Düsseldorfer Hütte – 4.8.2006

 

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1.Tag: Ankunft in Sulden – Aufstieg zur Düsseldorfer Hütte – 4.8.2006

Sulden im gleichnamigen TalFür unsere neuntägige Bergtour haben wir in diesem Jahr den „Vinschgau“ gewählt, italienisch Val Venosta.. Der westliche Teil Südtirols ist über Italiens Grenzen hinaus für Apfelanbau bekannt. Unter Bergbegeisterten gilt er indessen als Eldorado. Denn hier erwarten den Alpinisten fast 100 Gletscher und mehr als 70 Gipfel über 3000 Höhenmeter. Und die regenärmste Region Südtirols und gleichzeitig eines der trockensten Gebiete der gesamten Alpen bietet meist stabiles gutes Bergwetter. Erreichbar von Deutschland über Fern- und Rechenpass, über Imst und Landeck in Österreich – vonWeg zur Düsseldorfer Füssen aus 160 km in 2-3 Stunden. Das den Vinschgau prägende Tal der Etsch wird im Norden von hohen Ötztaler Bergen begrenzt. Hier entspringt der zweitlängste Fluss Italiens, die Etsch. Und hier wurde auch die bekannte Gletschermumie „Ötzi“ oberhalb des Niederjochferners im Similaun-Gebiet auf 3210 m Höhe gefunden. Im Süden dominiert die gewaltige Ortlergruppe. Der riesige Bergstock von 50 km Länge und 40 km Breite ist nach dem höchsten und mächtigsten Gipfel der Gruppe benannt – dem 3905 m hohen „König“ Ortler. Neun der hiesigen 3000er haben wir uns vorgenommen.

Neuschnee auf 2400 mVon den Bergen ist leider während der Fahrt kaum etwas zu sehen. Im Vinschgau geht es rechts ab über Gomagoi und Prad ins Ortlergebiet. Erster Ausgangspunkt ist das Suldental mit dem kleinen Ort Sulden auf 1845 m am Fuße des Ortlers. Unser erstes Ziel ist die Düsseldorfer Hütte. Nach verregneter Anfahrt ist unser Ziel zum Glück niederschlagsfrei, jedoch hängen Wolken tief im Tal. Wir nutzen den angebrochenen Tag der Anreise, um morgen einen guten Ausgangspunkt für unseren ersten 3000er zu haben. Wir lassen den Wagen an der Talstation des Kanzelliftes in Sulden (1845m) stehen und packen Berg-Equipment für drei Tage. Wir ersparen uns den dreistündigen Aufstieg, durch den Bachlauf des Zaybachs (obwohl Weg Nr. 5 einer der schönsten Steige in Sulden sein soll!), gondeln per Kanzellift auf 2348m und erreichen die Düsseldorfer Hütte in 1,5 Stunden Fußmarsch. Der vom Hüttenwirt persönlich gut ausgebaute und wenig steile Wanderweg Nr. 12 lädt auch viele Tageswanderer auf ein Schmankerl in die Hüttenstube ein. Und bietet auch Sandalentouristen ein Panorama der Extraklasse auf Ortler & Co.

Endlich an der Düsseldorfer HütteWährend des Aufstiegs reißen dann und wann die Wolken auf – der Anblick lässt uns Böses erahnen. Es gab Neuschnee! Das Anfang August, und nicht zu knapp!
Bald erreichen wir unser Tagesziel, Rifugio Serriston auf italienisch. Von hier aus lassen sich – je nach Können – drei bis vier Dreitausender besteigen. Und die Umgebung dieser gut geführten Hütte gehört mit den großen Felsblöcken, den Gletscherschliffen sowie den herrlichen Nah- und Fernblicken zur Schönsten in Südtirol.

Die Hütte ist sehr gefragt, wer hier mehrtägige Touren plant, sollte sich vorab auch über www.duesseldorferhuette.com informieren und seine Unterkunft frühzeitig reservieren.

Wir verbringen den Spätnachmittag und Abend in der Gaststube bei Wiener Schnitzel, Weizenbier und ausgedehnter Tourenplanung für die nächsten Tage, bevor wir pünktlich zur Bettruhe im gemütlichen 2-Bett-Zimmer den wohlverdienten Schlaf finden.

2.Tag: Tschenglser Hochwand (3375), der erste 3000er – 5.8.2006

 

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2.Tag: Tschenglser Hochwand (3375), der erste 3000er – 5.8.2006

Am Morgen lässt sich König Ortler gegenüber des Tales blicken. Der fast 4000 m hohe Riese strahlt im Morgenlicht. Bei der ersten Zigarette hole ich mir fast Erfrierungen. Stefan freut es sichtlich, dass er als König Ortler mal wolkenfreiNichtraucher heute nicht leiden muss. Wir genießen um 7.00 Uhr ein gutes Frühstück und erkundigen uns beim Hüttenwirt über Wetter- und Wegverhältnisse. Er scheint nicht ein Mann klarer Worte zu sein, legt sich über Weg-Zustand und Wetter ungern fest, aber es „soll wohl schöner werden“. Irgendwann. Es sei noch niemand nach dem Neuschnee Schnee Anfang Augustoben gewesen, daher könne es etwas schwierig sein. Wir starten also, um unseren diesjährig ersten 3000 zu ersteigen. Dazu haben wir ausgerechnet den Zungenbrecher Tschenglser Hochwand gewählt. Sie gilt als Nonplusultra für trittsichere Wege-Bergsteiger. Mit 3375 m einer der höchsten Gipfel rund um die Hütte. Die Spannung am Morgen ist groß. Starten wir doch in eine uns unbekannte Region. Alleine, fort von allem uns Bekannten und Sicheren.

Der Zugang zur Hochwand begeistert durch seine Vielfalt, malerisch sind die Blockfelder mit Trümmer und BlockwerkRiesentrümmern bis zur Hausgröße. Der Höhenweg Nr. 5 schlängelt sich durch gewaltiges Blockwerk und Geröll, das einst große Gletscher als Moränen liegen ließen. Am kleinen See „Seenlin i Laghetti“ gabelt sich der Pfad laut Karte. Heute sehen wir hier nur eine Fußspur – und die zeigt in Richtung Angelusspitz und Schafbergspitz (Weg 5a). Im Neuschnee haben wir es schwer Wegmarkierungen zu finden. Dieses heitere Suchspiel soll uns leider bis zum Gipfel erhalten bleiben.

Seenlin i LaghettiMit jedem Höhenmeter scheint der Schnee tiefer zu werden. So hangeln wir uns von einer Markierung zur nächsten. Drei weitere Bergsteiger folgen uns stetig auf Abstand – das ist ja auch leichter. Am Einstieg des Klettersteigs „hagelt“ es Eiszapfen, die sich in der zarten Morgensonne weit oben lösen. Der vom Hüttenwirt persönlich angelegt Steig wäre Eiszapfen hageln herabmörderisch. Alternativ führt der steile Serpentinenweg durch eine Geröllrinne zur Scharte am Südwest-Grat. Schneefrei gut markiert, bei Neuschnee kaum auszumachen. Die Chance auf den heutigen Gipfel schwindet – ähnlich wie die Kraft, denn Schnee und Wegsuche wirken nun doppelt anstrengend – oft finden wir nicht den ursprünglichen Weg, steigen einfach die Rinne bestmöglich nach oben. Was zunehmend auch in Kletterei durch Schnee und Eis übergeht.

Der Gipfelaufbau lässt jetzt echte Spannung aufkommen. Zum Außergewöhnlichen gehört der ständige Blick auf die berühmten Nordwände von Ortler (3899m) – heute, Anfang August, alles in weiß gehüllt.

Der Hohe Angelus gegenüberNach zwei Stunden machen wir Pause und lassen die Gruppe vorbeiziehen, damit diese Vertainspitze mit Hängegletscherab jetzt die Vorarbeit leisten kann. Weiter folgen wir dem Pfad über den steilen Grad, wo wir immer wieder die Hände brauchen, um einzelne Stellen zu überwinden, oder teilweise auch freihändig über schmale vereiste Gräte balancieren müssen. Eine heikle Sache. Jeder Tritt musste hier sitzen. Trotz mulmigem Gefühl im Magen treibt uns das sichtbare Gipfelziel weiter. Unwiderstehlich die Anziehungskraft. Jetzt nicht mehr zurück.

Schließlich überwinden wir zwei ansonsten leichte Klettersteigpassagen. Heute durch Schnee und Eis oberer Gipfelaufbau der Tschenglser HochwandKlettern an der Hochwandzwar erschwert aber mühelos und ungefährlich, dank Sicherungen am Drahtseil. Solche Kletterstellen sorgen immer für zusätzliches Adrenalin und steigenden Puls. Das aber wiederum für neue Energie. Die letzten Meter zum Gipfel lassen auf glitschigem Schnee und Fels ohne Sicherung das Adrenalin steigen. Nach vier Stunden haben wir den höchsten Punkt erreicht.

Kletterstelle am GipfelDas Gipfelerlebnis ist gewaltig. 2500 m überragt das breit gelagerte Felsmassiv den Vinschgau, 600 m ist die Nordwand, 300 m die Südflanke hoch. Und die Grate strotzen von wilden Felszacken. Die waagerechten Eiszapfen am Gipfelkreuz verraten, welch kalte Stürme hier herrschen. Die Aussicht ist grandios – auf die Eisriesen Ortler, Monte Zebru und Königsspitz, auf die 500 m hohe Nordwand der Vertainspitze mit ihrem Blick hinab in den VinschgauHängegletscher sowie auf die Steilabbrüche des Gletschers der Großen Angelusspitze. Zum Greifen nah lassen sich jede Eiswulst, jeder mit Neuschnee gezuckerte Felssporn mit bloßem Auge erkennen. Gen Norden dann der Tiefblick in den sommerlichen Vinschgau. Überwältigend! Und überwältigend das Gefühl, nur durch eigene Kraft diesen Koloss bezwungen zu haben.

Hoher Angelus und Vertainspitze von der Hochwand ausNach ausgiebigem Beglückwünschen mit Handshake, Gipfel-Foto-Shooting, Pausensnak mit Wasser, Keksen und Zigarette treten wir vor den anderen Bergsteigern – Tschechen, wie sich herausstellt – wieder den Abstieg an, um die Kletterstellen in unserer Geschwindigkeit gehen zu können. Beim Aufstieg haben uns die Tschechen hier Michael am Gipfelaufgehalten und für unkomfortable Warterei im Steilhang gesorgt. Die Kletterstellen wirken von oben furchterregend, sind aber leichter im Abstieg passierbar. Der Schnee wird arg sulzig, die Trittsicherheit lässt nach, und das Bombardement mit Eiszapfen wird teils gefährlich. Wir begegnen einer weiteren Gruppe beim Aufstieg, die uns danken, dass wir den Weg gespurt haben. Nach nur 2 h sind wir wieder am Seenlin i Laghetti, wo sich alsbald auch die Tschechen zu uns gesellen – im Rausch des Gipfelsturms plaudern wir fröhlich miteinander – wir haben es geschafft – die Tschenglser Hochwand sollte unser bisher höchster und schwierigster Berg der Ortler-Tour bleiben.

Bis zur Hütte, wo Südtiroler Köstlichkeiten für die Anstrengung belohnen, ist es jetzt ein halbstündigezurück durch haushohe Trümmerfelders Kinderspiel. Auch Stefan ist sichtlich erleichtert und entspannt auf seine Weise. Die Entspannung pur bei Stefanspätere Freude bei Rückkehr zur Hütte ist noch größer. Vermutlich ist es die Freude, der Gefahr getrotzt zu haben, gesund zurückzukehren – oder ganz einfach die Entspannung nach stundenlanger Anspannung – die Gelöstheit nach dem „Kick“.

Der Wirt der Düsseldorfer Hütte kennt die Geschichten, die abends bis in seine Küche vordringen, während er südtiroler Köstlichkeiten kredenzt. Die Gipfelstürmer reflektieren das Erlebte, der eine lautstark, der andere ruhig in sich gekehrt – aber alle mit zufriedenem Lächeln. Alles ist vergessen. Nur das hier und jetzt zählt. Job, Heimat, Familie – alles weit weg hinter den Bergen. Radler und Schnitzel schmecken uns heute besonders gut. Bald träumen wir vom König Ortler und seinen vielen Genossen drum herum, die wir alle bezwingen wollen.

3. Tag: Hinteres Schöneck (3128 m), der zweite 3000er – 6.8.2006

 

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3. Tag: Hinteres Schöneck (3128 m), der zweite 3000er – 6.8.2006

Schöneck im NebelEigentlich steht der Hohe Angelus mit seinen 3521m auf unserem Plan. Die Wetterbedingungen sind aber alles andere, als ideal. So nehmen wir uns heute das weniger schwere „Hintere Schöneck“ vor. Der Hütten-Hausberg gilt als Aussichtsloge der Extraklasse gegenüber der Ortler-Nordwand mit seinem 3899m hohen Gipfel und dem mächtigen Gletscherdach der Nordseite. Der Gipfel bietet sich als Höhepunkt einer Abstiegsroute ins Tal an.

Hinter der Hütte geht’s nach Weg Nr. 25a schräg zum breiten Bach hinab und über Bretter ans andere Gipfel im NebelUfer. Der Weg führte uns über Schutthalden zum Steilgelände, durch steiles Gras, Trümmerflächen und Schrofen – über Rippen und quer durch Rinnen in der Flanke weit empor. Dann quer durch das Steilgelände über Platten und Blockfelder zum Gipfel herauf, der nur wenig aus dem Kamm hervorragt.

Die Route von der Düsseldorfer Hütte zum Hinteren Schöneck ist steil und voller Überraschungen, da der Weg durch die zerfurchte Felsflanke von unten nicht auszumachen ist. Inklusive weniger Pausen erreichen wir den Gipfel nach nur 1 h 45 Min., womit wir in einer guten Zeit liegen.

Mächtiges Blockwerk am SüdhangDas als Aussichtsloge geltende Schöneck zeigt sich heute weder schön noch aussichtsreich. Düstere Nebelwolken verhüllen jegliche Talblicke und lassen es zudem noch auf uns herabschneien. Entsprechend kurz fällt die Gipfelpause aus. 1200 Höhenmeter Abstieg nach Sulden stehen bevor. Auf und neben dem Südrücken geht es abwärts, teilweise wieder über mächtiges Blockfeld und über gut ausgebaute Plattenwege bis zum völlig unauffälligen vorderen Schöneck (2908 m). Dieser vordere „Gipfel“ ist für Wanderer, die sich auf einfachen Bergpfaden wohl fühlen, bei schönem Wetter ebenso ein tolles Ziel, erreichbar von Sulden herauf, da dieser gewöhnlich schöne Blicke auf die Eisklötze Ortler, Monte Zebru, Königsspitze und hinab ins Suldental verspricht.

Die Bezeichnung„Gipfel“ ist aber leicht übertrieben, es ist eher ein Grashügel, der vordere eines langen Das Vordere SchöneckKamms. Wir verlieren über den Pfad Nr. 25 bei einsetzendem Regen und Wind jetzt über den Kamm abwärts schnell an Höhe. Bei ca. 2750 m dann in steile KüheWiesenhänge diagonal abwärts über die Stieralm zur Kalberhütte nahe der Waldgrenze. Ein zuvor nicht eingezeichneter Weg, für uns aber eine vermeintliche Abkürzung, offenbart sich als Sackgasse und endet bei Lawinenschutzgittern. Zurück bei Kalberhütte vorbei stolpern wir nun den breiten Wald- und Forstweg hinab nach Sulden. Die 1200 Höhenmeter sind trotz einfachem Weg nicht zu unterschätzen, brauchten wir doch über 4 Stunden dafür.

Die nächsten Nächte belohnen wir uns für die Knochenschinderei mit einem luxuriösegegenüber der Ortlern Talquartier, ausgestattet mit Dusche und Fernseher. Nun wussten wir die Vorzüge einer herrlich warmen Dusche wieder zu schätzen – und deren wundersame Belebung müder Muskulatur. Belebt wurde die letzten Tage aber noch mehr. Trotz körperlicher Anstrengung spürte ich eine herrliche Belebung meines Geistes. Die Wahrnehmung wurde geschärBrotzeit bzw. Kekszeitft. Als ob ich meine natürlichen Instinkte wieder finde. Jeder Stein, jede Pflanze aufgesogen und gespeichert. Und die Zeit verrinnt tagsüber scheinbar langsamer, jede Minute lebe ich intensiver. Die Erfahrung mit dem Wesentlichen, dem Ursprünglichen – eine enorme Erholung für den Geist. Und das entfaltet erstaunliche körperliche Energie, die ich tagtäglich bis in allen Gliedern zu fühlen glaube. Ich nehme an, Kumpel Stefan empfindet ähnliches, denn als Großstädter aus Köln setzt er hier eine erstaunliche Energie frei – zäher Bursche.Bärenhöhle in Sulden

Unser Restaurant-Tipp: Die Bärenhöhle
Wir machen eine wirklich gute Pizzaria aus: die Bärenhöhle. Der Besitzer – offensichtlich ein Motorrad-Freak, hat aus einer alten Scheune eine urige Pizza-Höhle mit tollem Ambiente geschaffen. Und Olio-Picante hat er auch.

4. Tag: Hintere Schöntaufspitze (3325 m), der dritte 3000er – 7.8.2006

 

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4. Tag: Hintere Schöntaufspitze (3325 m), der dritte 3000er – 7.8.2006

Schaubachhütte vor SuldenfernerDa das Wetter auch am folgenden Tag noch Kälte, leichten Regen und Wolken bereithält, planen wir für heute die Hintere Schöntaufspitze. Denn dieser Gipfel gilt als „schnellster“ Ortler-Dreitausender. Von Sulden ist fällt klarer Sicht der weiße Schopf der Schöntaufspitze über dem äußeren Rosimtal ins Auge – ein kammnaher Gletscher, der den Gipfel im Norden schmückt, sorgt für das charakteristische Bild. Darunter fällt eine Felsflanke in Hochkare ab, die nahezu nie von Bergsteigern betreten werden. Die Südseite ist das krasse Gegenstück dazu. Dort ist das Gelände sanft und weiträumig –Suldenferner mit Königsspitze und dient im Winter als hochalpine Pistenregion. Das ist die Aufstiegsroute.

Wir nehmen mit der Seilbahn die ersten Höhenmeter zur Schaubachhütte auf 2580 m. Zu Fuß vom Tal in knapp zwei Stunden erreichbar. Mit leichtem Gepäck, dazu gehören heute nur Regenjacke, Stöcke, Trinkwasser und Fotoausrüstung, sollte uns heute eine Blitzbesteigung gelingen.

Bei Ankunft an der Bergstation empfängt Stefan und mich ein gewaltiges Bild: ganz nahe der wild zerklüftete Suldenferner und dahinter, scheinbar unendlich hoch die Königsspitze (3859 m) mit der Nordwand fast im Profil und dem 1100 m hohen Ostbollwerk. Selbst heute, bei nur gelegentlichen Einblicken bei Aufriss der Wolkendecke sehr beeindruckend. Kollegen auf dem Weg zur Madritschhütte

Dank Seilbahn tummeln sich hier viele Turnschuhtouristen. Doch deren Ziel scheint eher die große bewirtete Madritschhütte zu sein, die wir auf halbem Weg 151 in Richtung Madritschjoch passieren. Bis dorthin ist der Weg breit und leicht begehbar, führt er doch großteils über breite Pistenschneisen. Das Joch (3123 m) erreichen wir nach nur 1,5 Stunden, das letzte Stück steil über Schutt und Schnee.

Am MadritschjochInzwischen herrscht hier starker Wind, die Wolkendecke unmittelbar über uns. Hier eröffnet sich der Blick ins Madritschtal und Martelltal, auf dessen Osthängen wir ein weiteres unserer geplanten Ziele sehen. Über das Madritschjoch finden Wanderer eine kurze Verbindung von Martell- und Suldental – mit dem Wagen sind diese Täler ca. 80 km voneinander entfernt.

MadritschtalAm heutigen Tag sehen wir niemanden, der zum Gipfel hinaufsteigt, jedoch einige, die ihre Besteigung vorzeitig abbrechen. Obwohl der Wind nun in heftige Sturmböen umschlägt, entschließen wir uns zu einem Versuch. Der sonst eher leichte Weg nach Norden über den erst ausgeprägten Kamm wird durch den 30-50 cm Neuschnee zusätzlich schwierig, da fast vollkommen unkenntlich. Dank guter Ausrüstung erreichen wir nach 40 Min. über den Weg über Skipistenbreiten Rücken und eine weiträumige Gipfelfläche die Schöntaufspitze. Bei inzwischen heftigem Sturm und nur wenigen Meter Sicht müssen wir immer darauf gefasst sein, davon geweht zu werden. Stefan erinnert so eingepackt fast an einen Polarforscher im Schneesturm.

Den höchsten Punkt endlich erreicht beeindruckt uns zwar nicht die hier ansonsten herrliche Aussicht auf die Ortlergruppe, nein, die bleibt gänzlich aus. Der Gipfel überrascht uns jedoch mit einem seltenen Phänomen. Auf ca. 20 qm genau auf dem höchsten Punkt Am höchsten Punktherrscht plötzlich absolute Windstille, obwohl der Sturm drum herum geradezu tobt. Wie im Auge eines Hurrikans. Faszinierend! Eine Belohnung für den Gipfelstürmer. Wieder ein ungewöhnliches Naturerlebnis. Oder achte ich hier mehr darauf? Die Achtung vor der Natur. Das ist es! Mehr Respekt, weil ich ihr ausgeliefert bin. Und meine Sinne werden scheinbar trainiert: Sehen, hören, spüren – und speichern!

gezeichnet von Sturm und SchneeEine mit Schnee und Eis umhüllte Messstation mit deutlich horizontaler Ausrichtung der Eisformation erinnert an arktis-ähnliche Wind- und Temperaturverhältnisse. Daher bleiben wir nicht lange. Den Rückweg vom Gipfel finden wir nun leichter über unsere eigenen windverwehten Spuren vom Aufstieg.

Zwei weitere Bergsteiger haben den Aufstieg gewagt und kommen uns auf halbem Wege entgegen. Wir erreichen bald das Madritschjoch und legen den Abstieg bis zur Madritschhütte schnell zurück, um uns hier bei einer leckeren Leberknödelsuppe aufzuwärmen. Zurück zur warmen MadritschhütteGut gestärkt ist die leichte Wanderung zur Schaubachhütte bei aufklarendem Himmel eine willkommene Abwechslung von nur 60 Minuten. Von dort gondeln wir ins Tal und lassen den Abend bei Pizza und Weizen in der Bärenhöhle ausklingen.

Seilbahnstation SchaubachhütteAn diesem Abend bin ich sehr nachdenklich. Tagsüber ist man hier „eins“ mit Fels, Eis, Luft und Sonne. Und die Zeit scheint langsamer zu vergehen. Durch viele Eindrücke, aber auch durch Stille und Einsamkeit. Ich spüre jetzt noch den kalten Granit an den Fingerspitzen. Fühle tagsüber Furcht – und gleichzeitig Glück. Komisch, wie nahe das beieinander liegt.

Während die Anstrengung noch in allen Muskeln vibriert – planen wir schon das morgige Gipfelziel. Wie schon die Einheimische sagen: „Der Berg ruft“. Was ist das genau für ein Verlangen? Sehnsucht nach landschaftlicher Schönheit? Nähe zur Natur? Abenteuerlust? Das „eins“ werden mit den Elementen?

5. Tag: Rötlspitz/Punta Rosa (3026 m) und Monte Scorluzzo (3095 m), der vierte und fünfte 3000er – 8.8.2006

 

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5. Tag: Rötlspitz/Punta Rosa (3026 m) und Monte Scorluzzo (3095 m), der vierte und fünfte 3000er – 8.8.2006

PassstraßeEin weiteres Ziel führt uns am nächsten Tag bei blauem Himmel über das Trafoier Tal hinauf zum Stilftser Joch. Die berühmte Passstraße mit ihren 48 Kehren ist ein Zum Stilftser JochAbenteuer für sich – es ist beeindruckend, was hier in Vergangenheit in punkto Straßenbau geleistet wurde. Das Stilfser Joch (ital. Passo dello Stelvio), zweithöchster Passstraße der Alpen, verbindet Lombardei und Bormio mit dem Vinschgau. Im 1. Weltkrieg verlief hier die stark umkämpfte Ortlerfront. Ganze 48 Kehren!Die Straße führt heute ins Sommerskigebiet auf 2758 m. Vom Joch aus, einer Hotel- und Geschäftssiedlung für die zahlreichen Sommerski-Gäste, sind mehrere hohe Gipfel erreichbar. Mindestens zwei der Gipfelziele nehmen wir uns heute vor.

Die Rötlspitz zählt zu den „raschen“ 3000er, sie nehmen wir als erste vor, nachdem wir Touristentreffpunktdem Touristenrummel des Stilftser Jochs über die Dreisprachenspitze nach Norden entkommen. Bald lassen wir die Sandalentouristen hinter uns und haben die Bergruhe für uns.

Hässliches SommerskigebietWir folgen alten Kriegspfaden (Weg Nr. 20) auf weiten Flächen des Kammes bis unter den Sattel am Stilftser Joch mit Mt. Scorluzzo hinten rechtsSüdfuß des Gipfels. Hier steigen wir kurz empor und folgen dann Weg 20a diagonal durch den Trümmerhang zum breiten Ostgrat. Über Schutthänge geht es weiter zum Vorgipfel, dort über Blockwerk, wo Trittsicherheit wichtig wird – schließlich an einer auffallenden Felskluft vorbei zum höchsten Punkt dieses „roten Berges“. In gut 75 Den Scheitelpunkt erreichtMinuten haben wir den strammem Aufstieg zurückgelegt. Der Tiefblick an der Südwand ist überwältigend. Und eindrucksvoll präsentiert sich König Stevie & RötlspitzOrtler auch hier – aber nun mit seiner zerborstenen, mehr als 1000m hohen Westflanke. Gut sichtbar hier auch seine mächtige Eiskappe auf seiner Nordwestabdachung. Davor die Passstraße und im Süden das Skigebiet an Monte Livrio und Geisterspitze mit den durch Seilbahnen und riesigen Betonbauten Roter Steinerschlossenen Gletschern. Gegenüber des Jochs unser nächstes Ziel: der Monte Scorluzzo.

Zurück am Stilftser Joch lassen wir uns nicht vom Jahrmarktstrubel aufhalten, Steviesondern stiefeln unentwegt eine Sandstraße gen Süden bis zum Sattel östlich des Scorluzzo. Hier folgen wir dem Steig zu einer Schulter empor, oft entlang ehemaliger Der Gipfel des Mt.ScorluzzoSchützengräben des ersten Weltkriegs. Weiter über groben Schutt geht es recht steil aber einfach zum Gipfel. Auch der Monte Scorluzzo bietet uns heute eine gute Fernsicht z.B. auf das Monte Cristallo-Massiv im Süden, wohinter wir Bormio vermuten. Die Umweltsünden des Sommerskigebiets im Osten sind jetzt zum Greifen nahe. Joch mit Rötlspitz vom Scorluzzo aus

Im Nordwesten schon in der Schweiz gelegen erspähen wir den Piz Umbrail und planen eine Drei-Gipfel-Tour perfekt zur machen. Zurück am Stilftser Joch lassen wir diesen Betonklötze beim GletscherskigebietPlan jedoch fallen, da uns heute noch ein Gebietswechsel ins Martelltal bevorsteht. Damit verbunden ca. zwei Stunden Autofahrt, die erwähnten 48 Kehren hinunter ins Trafoier Tal und weiter abwärts in den Vinschgau. Dort erwarten uns alsbald sommerliche Temperaturen und strahlend blauer Himmel, der uns bis zum Martellnächsten Nachmittag im Martelltal erhalten bleiben soll. Das bezaubernde Tal ist durch den Zufrittsee, einem türkisblauen Stausee geprägt, der mit dem dick vergletscherten Monte Cevedale im Hintergrund malerische Fotomotive liefert. Im einzigen Ort des Tales, in Martell, übernachten wir.

6. Tag: Vordere Rotspitze (3033 m), der sechste 3000er

 

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6. Tag: Vordere Rotspitze (3033 m), der sechste 3000er

Zufrittsee mit Vorderer RotspitzeDie Vordere Rotspitze (3033m) gilt als Aussichtsplattform vor der Gebirgskette zwischen Cevedale, Veneziaspitze und Hintere Rotspitze – das ideale Ziel für uns heute. Monte CevedaleUnd eine körperliche Herausforderung. 1000 Höhenmeter Aufstieg! Gehzeit laut Wanderführer drei Stunden.

Bei schönstem Sonnenschein starten wir vom Parkplatz der Enzianhütte am Talende hinter dem türkisblauen Zufrittsee. Vom Parkplatz am Straßenende geht es über den See am Paradiso di Cevedaleklammähnlichen Fluß Plima am ehemaligen Hotel Paradies vorbei über kleine stille Bergwege. Diese schlängeln sich durch den Wald mit dem schönen Namen Paradiso di Anstrengend: 1000 HöhenmeterCevedale – dann über eine Talstufe auf den folgenden „Boden“. Die Höhenmeter sind sehr schweißtreibend, dies und das schöne Wetter laden zu Pausen in weichem Gras ein, um in Ruhe den tollen Blick auf Cevedale & Co. genießen zu können.Pause mit Blick auf Cevedale

Gegenüber blicken wir ins Madritschtal und erspähen in der Ferne die Hintere Schöntaufspitze, die wir Tage zuvor bei weit schlechterem Wetter Idyllischer Bergpfadbestiegen hatten. Weiter führt uns der Pfad Nr. 31 durch stark geliedertes, teilweise felsdurchsetztes Gelände über Stufen und kleine Einschnitte und Tälchen in das Kar westlich des Gipfels. Die letzten 100 Höhenmeter werden sehr steil und Cevedaleanstrengend, der Steig führt durch eine mit Stahlseil gesicherte Rinne hinauf. Der Fels und Schutt ist sehr lose und rutschig – doch endlich ist der Gipfel erreicht. Er belohnt uns mit einem einzigartigen Gipfelpanorama.

Gipfel der Vorderen RotspitzeIm Osten liegt der Gramsenferner mit der Hinteren Rotspitz direkt vor uns. Rechts daneben drei weitere Gletscher am Fuße des dreigipfeligen Kamms der Venezia-Spitze. Und im Südwesten thront der vergletscherte Monte Gamsenferner mit Hinterer RotspitzeCevedale in seiner ganzen Pracht. Mit 3.778 m dritthöchster Gigant der Ortlergruppe. Noch heute sind Reste militärischer Stellungen aus dem 1. Weltkrieg bis hoch zum Gipfelgrat sichtbar.

Venezia-SpitzeHimmel und Eisfelder scheinen hier ineinander überzugehen. Am Dach der Welt scheint Vieles näher beieinander. Das vergletscherte Bergmassiv strahlt Kälte während die Sonne gleißend brennt. Eine seltsame Harmonie und Ruhe bei doch landschaftlicher Wildheit und augenscheinlichem Chaos. Entsprechend die Berg- undCevedale Talfahrten der Gefühle zwischen Furcht und Freude.

Madritschtal mit Schöntaufspitze hinten rechtsUnseren 45minütigen Gipfelaufenthalt beenden wir nur, weil die Wettervorhersagen für den Nachmittag Gewitter meldeten. Trotzdem wählen wir eine andere Abstiegsroute in Richtung Südwesten, um eine abwechslungsreiche Tour perfekt zu machen. Ich muss zugeben, es war meine Idee, der sich Stefan zunächst nicht begeistert anschloss. Der hiermit verbundene Umweg sollte uns noch zum Verhängnis werden.

Aufkommendes GewitterNach der Steilrinne, die beinahe einem anderen Bergwanderer zum Verhängnis wird, weilZufrittsee tief unten im Tal wir versehentlich einen Felsbrocken lostreten, folgen wir Weg 37a über gewaltiges Blockwerk, Platten und Schutt, was einst größere Gletscher in haushohen Wällen liegen ließen. Dementsprechend führt der Weg auf und ab – nach unserem anstrengenden Aufstieg eine zusätzliche Mühe. Vorbei am kleinen Gipfel der Schranspitze, dahinter die RotspitzeSchranspitze, den wir kurzerhand besteigen, geht es weiter noch immer ohne merklichen Höhenverlust – bis es schließlich zu Donnern anfängt und Cevedale & Co. in dunkle Wolken gehüllt wird. Die ersten Regen und Hagelkörner treffen uns, als wir dem Pfad nun über einen sehr lang gezogenen Kamm talabwärts folgen.

Das Gewitter scheint nun direkt vor uns – es donnert und blitzt ringsherum – wir befindenAbstiegsroute uns ausgerechnet völlig schutzlos auf diesem Kamm. Glücklicherweise halten sich die Blitze in Grenzen, dafür nimmt der Regen stetig zu und hat binnen 20 Minuten die Hosen völlig Gletscher & Gletscherseedurchnässt. Wir steigen in irrsinniger Geschwindigkeit die steile Talstufe hinab und erreichen bald den Wald, dann irgendwann den rettenden Parkplatz. Das war fast schon ein Blitzabstieg. Unser Wagen ist einer der letzten dort und so verlassen wir das Tal völlig durchnässt wieder in Richtung Vinschgau.

Unser Fahrziel: das Schnalstal, wo uns morgen die Ötztaler Gipfel erwarten. Aus dem Martelltal fahren wir hinunter in den Vinschgau, dann über Latsch in Richtung Naturns im Südwesten. Dort geht’s links sehr unscheinbar ins enge Schnalstal. Dieses vom Vernagt-Stausee im SchnalstalMassentourismus fast unberührte idyllische Tal bietet Zugänge in die Texelgruppe und vom Süden hier in die Ötztaler Unterkunft im Schnalstal am Vernagt-StauseeAlpen. Der bekannte Ötzi versuchte einst von diesem Tal aus die Ötztaler Gletscher nach Norden zu überqueren. Wir bleiben heute vorerst im Tal und finden am romantischen Vernagt-Stausee nach langer Suche auch eine Unterkunft mit direktem Seeblick. Die Übernachtungsmöglichkeiten scheinen hier begrenzt, die wenigen Unterkünfte sind alle belegt, aber nach Touristen sucht man weit und breit. Heute steht Schnitzel auf der Speisekarte, eine schöne Abwechslung nach tagelanger Pizza Olio picante mit allen Folgeerscheinungen.

7. Tag: Im Hintern Eis (3270 m) und Grawand (3251 m), der siebte und achte 3000er

 

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7. Tag: Im Hintern Eis (3270 m) und Grawand (3251 m), der siebte und achte 3000er

Vernagt-StauseeKurzrasAm Morgen starten wir von Kurzras mit der Seilbahn hoch zur Bergstation Grawand. Im Lift sind wir die einzigen Wanderer, sonst nur Skifahrer und Snowboarder, denn ganzjährig gondeln hier Wintersportler ins Gletscherskigebiet des Hochjochferner nördlich der Grawand. Unser Plan für heute sah eigentlich anders aus. Von Kurzras aus wollten wir den 3000er in Nähe des bekannten Ötztaler Berges Weißkugel names „Im Hintern Eis“ besteigen. Dieser Gipfel gilt als einfach, aber anstrengend, 1200 Hm von Kurzras aus – und aufgefallen ist er uns einzig Gipfel der GrawandGipfel der Grawanddurch seinen interessanten Namen, der ja zunächst nicht sonderlich einladend klingt. Von dort wollten wir hinüber zur Grawand, um den Abstieg dann anschließend mit der Bahn vornehmen zu können. Heute Morgen ist es jedoch wolkenlos, die Luft ist klar und verspricht eine gute Fernsicht. Also gehen wir die Route einfach umgekehrt, auch wenn die Grawand, dann eigentlich nicht als bestiegen gilt. Egal, die Fernsicht ist zu verlockend – und so sehen wir wenig später den Gipfel schon unmittelbar vor uns. Von der oberen Station sind es nur 50 Höhenmeter zum Scheitelpunkt – auch hier fiel letzte Nacht wieder Neuschnee, so dass der Weg recht rutschig ist, bei den Abgründen rechts und links kann es einem da schon mulmig werden. Den SimilaunHochfernerGipfel teilen wir uns heute mit zwei weiteren Wanderern. Die Aussicht ist grandios. Die weiß gekrönten Ötztaler Berge erheben sich stolz vor dunklem Blau. Im Westen die spitze Weißkugel, im Norden die Wildspitze – beide mit über 3700 m Höhe. Im Osten die Finailspitze. Dahinter der berühmte Similaun, wo Bergsteiger 1991 die Gletschermumie oberhalb des Niederjochferners auf 3210m Höhe fanden. „Ötzi“ suchte vor 5000 Jahren vom Schnalstal aus einen Weg über die Gletscher nach Norden.

Ötztaler AlpenDazwischen unzählige weitere Zinken mit vergletscherten Hängen bis weit in die Talsohlen. Besonders die Gletscher Hochjochferner und Kreuzferner reichen noch weit Im Hintern Eis und Weißkugelhinab, wenn auch nicht mehr der Karte entsprechend, sondern leider schon weit kleiner. Im Süden entdecken wir alte Bekannte. Die Giganten Ortler, Monte Zebru, Königsspitze und Monte Cevedale überragen hier den Vinschgau. Nach ausgiebiger Film und Fotosession machen wir uns auf den Weg zum eigentlichen Tagesziel. Laut Karte führt der Weg zur Schönen-Aussicht-Hütte eigentlich Ortler & Co.den Gletscher hinab, inzwischen aber über dessen Möränenfelder links vorbei. Ohne Neuschnee könnte man hier sogar einen weiteren Gipfel, die Graue Wand (3202 m) mitnehmen – heute ist der Pfad aufgrund des Schnees leider unauffindbar. Wir folgen daher dem unseren weiter bis zum Einstieg in den gut gesicherten und hier auch Panoramischneefreien Steig. Dieser führt uns nach vielen Kletterpassagen, die jedoch recht leicht einzustufen sind, hinab bis zum Gletschersee des Hochferners. Erstmals mache ich hier die Erfahrung, wie schnell man auf dem Hosenboden rutschen kann, wenn man auf einem verharschten Gletscher den Halt verliert. Nachdem das Gelächter nach dieser Übung sich gelegt hat, steigen wir weiter zur vor uns liegenden Rifugio Bellavista hinauf, der italienische Name unseres Zwischenziels. Von Grawand bis hierher Bellavistawaren es knapp 1,5 h Gehzeit.

Pause bei der Schöne-Aussicht-Hütte„Bellavista“ ist nicht übertrieben. Die Hütte ist auch für Turnschuh-Wanderer direkt von Kurzras im Schnalstal aus in reichlich 2 Stunden auf guten Saumwegen erreichbar. Mit Blick auf die Eisfelder von Hochferner und Kreuzferner sowie auf die Gipfel Grawand,. Graue Wand und Schwarze Wand kann hier jeder ein hochalpines Erlebnis genießen. Zudem arbeiten hier nette junge Italienerinnen – wohl Studentinnen, die ihre Semesterferien hier verbringen – beneidenswert.

Weg zum Hintern EisVon der Hütte aus den Markierungen und Steinmännern folgend führt der Weg über die Geröllflächen und Gletscherschliffe der Jochköfel weiter aufwärts zu den Moränenfeldern ab 3100 m Höhe. Wir sind heute nicht die einzigen Gipfelstürmer, 3 Gruppen sind vor uns, 2 kommen uns entgegen. In etwa 3100 m scheint der Gipfel erreicht, zumindest Grawand, Schwarze und Graue Wandscheint der dortige Steinhaufen das Ziel der Wandergruppe zu sein, die wir hier einholen. Der eigentliche Gipfel des „Im Hintern Eis“ wird hier aber erst sichtbar. Der Weg schlängelt sich nun nach links flach an den Südfuß des Gipfels und über Trümmer und Schnee steil hinauf zum höchsten Punkt. Die Mühe wird belohnt. Und es ist jetzt der siebte 3000er in dieser Woche, auf dem wir stehen.

Auf 3000 mAuf dem „Im Hintern Eis“ haben wir mit solch eisigen Temperaturen nicht gerechnet, aber wir lassen uns von einem vielleicht doch wahren Hintergrund des Namens nicht abschrecken – das Erlebnis ist überwältigend, wir saugen die Eindrücke förmlich auf: Die letzten Meter zum GipfelWolkenformationen jagen vorüber. Zum Greifen nahe. Die Luft ist klar, schmeckt frisch und sauber. Absolute Stille, nur hin und wieder der Ruf einer Dohle. Die Zeit scheint still zu stehen. Und einsam ist es, aber schön einsam. Gegenüber ein gigantischer Berg, die Weißkugel mit ihrer 300 m hohen Gipfelflanke aus Fels und Eis. 3700 m hoch ist der Riese. Darunter entspringt ein mächtiger Gletscher. Spaltenreich mit wilden Eisbrüchen schiebt er sich kilometerweit talabwärts. Die Kälte des „Hintereisfernes“ lässt uns frösteln.

Endlich am Gipfelkreuz des Hintern EisVon diesem Gletscher leitet sich auch der Name unseres Ziels ab, scheint aber eher irrtümlich von einem GipfelshootingKartografen so benannt zu sein, denn Derartiges klingt eher nach einem Flurname, bezeichnet aber nie einen Gipfel. Egal, „Im Hintern Eis“ droht wohl jedem, der sich hier zu lange aufhält. Im Gegensatz zum seltsamen Namen ist dessen Lage sehr reizvoll. Den Berg kennzeichnet im Westen und Norden eine 350 m hohe Fels- und Eisflanke, während Moränenfelder und Gletscherschliffe die Süd- und gleichzeitig Aufstiegsseite prägen. Im Norden krönt jetzt ganz nah die Wildspitze mit ihren zahlreichen Vorgipfeln das eindrucksvolle Bild. Im Westen die Weißkugel – beide über 3700 m hoch.
Weißkugel mit HintereisfernerEine ganz andere Welt, fast unwirklich, lebensfeindlich und fern von Allem. Fern vom Leben, das wir tief unten im Tal zurückließen. Im Schnalstal, das idyllisch, wie die Landschaft einer Modelleisenbahn unter uns liegt.

HintereisfernerDer Gipfel lässt mich absolute Freiheit fühlen, ein befreit sein von allem. Hier wird mir der Grund für die einzigartige „Bergfaszination“ bewusst. Es ist die unbeschreibliche Vielfalt der Gegensätze, die man hier mit allen geschärften Sinnen wahrnimmt. Extreme Höhen und Tiefen, Ruhe und Wildheit zugleich, Abenteuer und Entspannung, Harmonie und Chaos. Kälte und Wärme, Vergänglichkeit und Beständigkeit, Angst und Wohlbefinden. Alles extrem nahe beieinander.

Endlich am ContrinhausDas Naturerlebnis ermöglicht ein Verlassen des Alltags, wie es woanders kaum möglich ist. Und ein gestärktes Selbstbewusstsein. Ich habe mich selbst entdeckt, gleichzeitig aber auch „Urlaub“ von mir selbst gemacht. Das Ziel ist die Rückkehr ins Tal, zurück zur Familie, zurück ins alltägliche Leben – mit freiem Geist im Gepäck – und dem Gefühl, etwas oben gelassen zu haben.

Kamm mit zahlreichen GletschernDen letzten Weg zum Gipfel hinauf hatten nur noch drei andere GipfelsuchendeMinusgrade am Gipfel gewagt, nach gegenseitiger Beglückwünschung treten diese jedoch schnell wieder den Rückweg an, weil im Westen schlechtes Wetter aufzuziehen droht. Wir genießen erstmal jedoch ausgiebig den Ausblick, bevor wir den langen 1200 Hm –Abstieg angehen. Bald erreichen wir dann über die gleiche Route wieder die Schöne-Aussicht-Hütte, die wir für eine weitere Pause nutzen. Der Abstiegsweg ist anschließend wirklich leicht, da breit angelegt. Jedoch lang und aufgrund des Höhenunterschiedes für unsere Knie sehr belastend. Unterhalb der Steinschlagspitze und des Hasenkopfs führt der Grawand & Co. gegenüberSaumweg erst nach Westen auf die andere Talseite, dann dort immer oberhalb des Bacheinschnitts bleibend hinab ins Tal bei Kurzras. Die letzten Kurzras - SkihotelHöhenmeter legen wir im schmerzenden Eilschritt zurück, um nicht unangenehm vom Gewitter, das bereits den Vinschgau hinauf grollt, überrascht zu werden. In letzter Sekunde erreichen wir trockenen Fußes den Parkplatz und retten uns in unseren Wagen. Wir beschließen nach Sulden zurückzukehren, um am nächsten Tag einen der vorgelagerten Gipfel des Ortlers zu besteigen – die Tabarettaspitze.

8. Tag: Tabarettaspitze (3128 m), fast der neunte 3000er

 

Gipfel:

Ausgangspunkt:

Höhendifferenz:

Gesamtdauer:

Ausrüstung:

Bedingungen:

Links:

8. Tag: Tabarettaspitze (3128 m), fast der neunte 3000er

Das Wetter bleibt wechselhaft. Aber wir sind guter Dinge, heute unseren neunten 3000er zu erreichen – Tabarettaspitze, Tabarettahütte, Payerhütteschon träumen wir von zehn bis elf dieser Größenordnung, womit wir unsere Allzeit-Statistik enorm aufpoliert hätten. Wir starten mit dem Sessellift hinauf zur Bergstation Langenstein auf 2330 m. Von hier aus folgen wir erst Weg Nr. 10, dann 4a in Richtung Zwischenziel Tabarettahütte. Der Pfad führt über „frisches“ Geröll direkt unter der Unter der Ortler-Nordwandberühmten Ortler-Nordwand entlang, das teilweise erst jüngst aus der Ortler-Nordwand herab gedonnert zu sein scheint – zunächst etwa eine Stunde immer etwa auf einer Höhe. Die Tabarettahütte liegt auf einem kleinen Hügel an dessen Fuß ein großer Gedenkstein an alle Verunglückten der Ortler-Nordwand erinnert. Hier steigen wir jetzt etwa 200 Hm auf einem gut angelegten Serpentinenpfad empor, um bei der Tabarettahütte (2556 m) unseren ersten Pausensnack einzulegen.

Weg zur PayerhütteDer anstrengende Teil erwartet uns nun über Weg Nr. 4 hinauf zur Payerhütte, die einsam hoch oben auf einem Felszipfel thront und heute nur gelegentlich ihre Tiefblick zur Tabarettahütte und SuldentalVerschleierung fallen lässt. Der schmale Serpentinen-Weg wirkt schon von unten sehr spektakulär. Er führt entlang der fast senkrechten Felsen über teilweise loses Geröll und Felsstufen. Hier ist Trittsicherheit gefragt, denn losgetretene Steine lösen hier leicht eine Gerölllawine aus. Plötzlich schießen tatsächlich einige Felsbrocken sehr nah an uns vorbei – dem Verursacher über uns können wir jedoch keinen Rüffel wegen Unachtsamkeit erteilen – hinter einem Felsblock weit oben Stevie gibt Gasblickt uns eine Ziege treudoof an und scheint sich keiner Schuld bewusst. Nach einer Stunde gelangen wir zur Bärenkopfscharte auf 2871 m, die uns jetzt den Blick hinab ins nebelige Trafoiertal und auf die Stilfserjochstraße erlaubt. Merklich haucht uns der vergletscherte Fast-4000er seine Kälte entgegen. Wir stehen zu Füßen des berühmten Ortlers. Adlerhorst Payerhütte

Tabarettahütte und Sulden liegen winzig wie Märklin-Modelle tief unter uns. Die Payerhütte thront wie ein Adlerhorst in schwindelnder Höhe über uns. Bis dorthin wurde es jetzt richtig spannend. Wir haben ein Felsmassiv zu passieren, dessen glatte westliche Platte steil in den Himmel ragt. Dazu nur eine fußbreite Rinne. Dank guter Drahtseilsicherungen lässt sie sich sicher Auf dem Gratpassieren – mit und ohne Sicherungsgurt. Der über 200m schaurige Tiefblick lässt uns jedoch schwindeln. Eine früher schwierigere Kletterstelle ist durch eine Holzbrücke entschärft. Der Steig endet an einem Luftiger Steig, ....freistehenden ca. acht Meter hohen Felszacken, der an einen mahnenden Finger König Ortlers erinnert und Bergsteiger zur Vorsicht mahnt. Der Sage nach soll es sich beim Ortler um einen versteinerten Riesen handeln.

Nun sind es noch ca. 100 Höhenmeter bis zur Hütte auf steilem aber gut ausgebautem Platten-Weg. Zugang, Lage und das sich hier bietende Bild der Payerhütte mit ihrer Kapelle erinnert mehr an die uns wohlbekannten Burgruinen des Rheintales, als an eine Berghütte. Bei gutem Wetter ist diese Der mahnende Finger König Ortlerswichtiger Ausgangspunkt für zahlreiche Seilschaften, die mit ... aber gut gesichert!Bergführern unterwegs zum Gipfel des Eisriesen sind. Die kleine Kapelle hier soll letzten Segen für eine glückliche Rückkehr spenden. Heute braucht ihn niemand. Nur wenige Tagesbesucher rasten in der Gaststube, zumindest sieht neben dem einzig anwesenden Bergführer niemand so aus, als wolle er heute oder überhaupt je den Ortler besteigen. Dazu ist derzeit die Wetterlage sowieso zu unbeständig. Bei einsetzendem Schneefall und momentaner Aussichtslosigkeit genehmigen wir uns zunächst eine wärmende Mittagssuppe im Stübchen.

Die unheimliche PayerhütteDer Weg zur Tabarettaspitze ist von hier aus nicht weiter ausgeschildert. Wir müssten aufUnbeständiges Wetter Verdacht ausgetretenen Pfaden in Richtung Ortler folgen über rutschigen und steilen Fels vorbei an gähnende Abgründen – mit Kletterei am oberen Stück. Da nun eine richtig dichte Nebelwand aufzieht und weiteren Schneefall mit sich bringt, treten wir den Rückweg an. Heute halt ohne Gipfel, aber immerhin ein lohnendes Ziel über 3000 m erreicht. Wir ahnen nicht, dass nur acht Tage später ganz in der Nähe bei schlechtem Wetter zwei Dortmunder Bergwanderer auf tragische Weise ihren Tod finden. Und schon im Mai fielen zwei Berchtesgadener einer Eislawine in der Nordwand zum Opfer. Wetter und Berg sollten hier nicht herausgefordert werden.

Tschenglser & Co. gegenüberWir kehren gesund und glücklich auf gleichem Pfad zurück ins Tal. Der Rückweg kommtPayerhütte uns sogar recht kurz vor – vermutlich, weil wir uns inzwischen ausgesprochen fit und trainiert fühlen. Noch beim Abstieg planen wir für morgen unseren nächsten Gipfel. Doch dazu soll es nicht mehr kommen. Der Rückweg ins Suldental geht bis zur Tabarettahütte komplett über die Aufstiegsroute. Von dort aus wieder hinüber zum Sessellift Langenstein und schließlich hinab ins Tal, wo uns heute wieder eine leckere Pizza in der Bärenhöhle erwartet – ein letztes Mal. Aber wir kommen wieder – irgendwann – und nehmen uns den Chef vor, den König wohl gemerkt, König Ortler.

Suldental
9. Tag: Rückfahrt
Der Morgen ist kühl und verregnet. Alle Hoffnungen auf Wetterbesserung schwinden. Wir setzen auf Plan B, der uns fort aus Südtirol auf dem Heimweg sogar noch ein bis zwei Gipfel in den Ötztaler Alpen bescheren könnte. Das wäre noch einmal ein Highlight. Doch leider zeigen sich Stunden später auch die Österreicher Berge von ihrer fiesesten Seite, so dass wir den Alpen nun gänzlich den Rücken kehren. Aber wir sind mit dem Erreichten zufrieden. Elf Gipfel, davon acht 3000er in nur acht Tagen. Das hätten wir vor einer Woche nicht für möglich gehalten. Und der Sommer 2007 kommt bestimmt.

Fotospecial Tschenglser Hochwand

Der OrtlerGipfelaufbauHoher Angelus und VertainspitzeVertainspitze

 

 

 

Hoher AngelusDer Hohe Angelus gegenüberHoher Angelus und Vertainspitze von der Hochwand ausVertainspitze mit Hängegletscher

Suldental

Panoramabilder Schnalstal

Blick von der Grawand auf die Ötztaler Alpen

 

 

Blick vom Hintern Eis auf die Ötztaler Alpen
Ötztaler Alpen mit Weißkugel, Hintereisferner, Kreuzferner, Schwarze Wand, Grawand, Graue Wand

Panoramabild Suldental

Blick von unterhalb der Ortler-Nordwand auf Sulden, Vorderes und Hinteres Schöneck und auf die Tschenglser Hochwand (h.l.)

 

© Michael Breiden 2007