Stubai Report 2016

Five Summits & mehr im Stubaital

vom Alpensteve

1.Tag: Elferkofel

Gipfel:                        (1) Elferspitze (2505m), (2) Nördlicher Elferturm (2495m)

Ausgangspunkt:         Elferlift Bergstation (1794m)

Höhendifferenz:          750m

Gesamtdauer:             7h

Ausrüstung:               Via Ferrata (Helm, Gurt, Klettersteigset)

Bedingungen:             Sonnig und trocken

Nach zweijähriger Pause sind wir im Jahre 2016 endlich wieder auf Achse in unseren geliebten Alpen. In diesem Jahr sind wir im Stubaital zu Gast. Bereits gestern fielen wir in Neustift ein und haben in der Pension Sonnleitn spontan eine gute Unterkunft für die ersten Nächte gefunden. Der Übernachtungspreis liegt zwar nördlich dessen, was wir im Schnitt in den letzten Jahren in Österreich berappt haben, aber dafür haben wir eine geräumige Ferienwohnung mit Gletscherblick bezogen und heute morgen beim Frühstück von unserer Wirtin die „Stubai Super Card“ ausgehändigt bekommen, mit deren Hilfe wir alle Bergbahnen und einige andere Attraktionen im Stubaital gratis benutzen können.

Besagte Karte bringt uns heute morgen schon einmal sorgenfrei hinauf zur Bergstation der Elferbahn, Startpunkt unserer Einlauftour auf den Elferkofel. Das Wetter startet sonnig, einige der höheren Gipfel liegen noch in Wolken, doch verspricht es ein formidabler Tag zu werden.

Der Elferkofel ist im Grunde nicht mehr als ein felsiges Krönchen am Nordostende einer Bergkette, die vom Habicht (3277m) dominiert wird. Der Name Elfer rührt daher, dass die Sonne gegen elf Uhr morgens von Neustift aus betrachtet über (oder hinter) dem Berg steht. Gleich zwei Klettersteige führen auf den Elfer. Wir haben uns für den einfacheren der beiden entschieden, der den schroffen Hauptgifel von Süden nach Norden überquert.

Als wir aus der Gondel springen, werden wir gewahr, dass dies das Dorado der Paraglider ist. Ein Dutzend selbstmörderischer Gesellen schickt sich an, sich vor den Augen der schaulustigen Touris mit ihren bunten Schirmen gen Tal zu stürzen. Wir hingegen schlagen den Weg zur Elferhütte (2080m) ein, die wir in gut 20 Minuten über einen gutmütigen Waldweg erreichen. Wir verweilen nicht lange, da wir nicht abschätzen können, wie lange wir für die Elferüberschreitung brauchen werden und wir möchten auf keinen Fall die letzte Bahn nach Neustift verpassen.

Wir marschieren über grüne Wiesen und links um das Elfermassiv herum auf dem kaum ansteigenden Panoramaweg, der seinem Namen zur Ehre gereicht, bietet er doch eine phänomenale Aussicht auf das enge Pinnistal unter uns und die zackigen Gipfel auf der gegenüberliegenden Talseite: Kirchdachspitze, Ilmspitze und Kalkwand, um nur einige zu nennen. Die Berge erinnern in Form und Farbe ein wenig an die Dolomiten. Auch der Elferkofel, der wenige hundert Meter über uns aus der Wiese aufsteigt, wäre am Falzaregopass nicht vollkommen fehl am Platz. Weiter vorn am Pinnisjoch liegt die Innsbrucker Hütte, unverzichtbarer Stützpunkt auf dem Normalweg zum Habicht, dessen Gipfel immer noch wolkenverhangen ist. Auf den letzten Metern zum Zwölfernieder (2335m, Nieder = Joch) kommt endlich der Kreislauf in Wallung. Nach einer guten Stunde Genusswanderung ab der Elferhütte lassen wir uns auf einer gut situierten Sitzbank mit Blick über das Stubaital nieder und füllen unsere Mägen.

Eine große Gruppe Wanderer holt uns ein, wenigstens 20 Personen. Einige starten direkt zum Gipfel der Zwölferspitze (2562m) durch, der südlich des Jochs gelegen ist. Andere warten unten auf ihre Rückkehr. Von einer Dame erfahren wir, dass die Gruppe aus Litauen stamme. Wir brechen auf zur Besteigung des Elfers. Ein kurzer Trampelpfad bringt uns zum Einstieg in den Klettersteig. Ein einsamer Kletterer steigt soeben das erste Drahtseil steil hinauf. Wir legen unsere brandneuen Klettergurte an. Die alten waren nach 15 Jahren schlicht zu klein geworden und kniffen doch arg in den „Familienjuwelen“.

Der Klettersteig (KS) wird im Internet (das immer Recht hat) mit dem Schwierigkeitsgrad B/C angegeben, was wohl ‚mittelschwer‘ bedeutet. Nach einem steilen Anfangsstück beruhigt er sich ein wenig, führt über einen kleinen Absatz und eine Traverse zu einem nicht minder steilen Stück. Gute Griffe und Tritte sind auf dem polierten Felsen rar. Mika, der den Vorsteiger macht, ist ein wenig skeptisch, ob dies wohl unserer Kategorie entspräche. Ich bin auch nicht sehr glücklich über die Tatsache, dass ich meine Handschuhe vergessen habe. Mit von Schweiß und Sonnenschmiere glitschigen Händen fällt es schwer, sich am Drahtseil hinaufzuschwingen und freies Klettern in dieser Kategorie erscheint mir wirklich gewagt. Laut Internet nimmt der Aufstieg zum Gipfel an die zwei Stunden in Anspruch und wir pfeifen jetzt schon auf der letzten Rille. Wir einigen uns also, das kurze Stück zurückzuklettern und den alternativen Weg zum Gipfel zu nehmen, der mit einem Minimum an Kletterei auskommt. Wir sind halt klassische Bergsteiger – was zählt, ist der Gipfelerfolg, der Stil hat sich dem unterzuordnen.

Beim Ablegen der Klettergurte passiert uns ein weiterer einsamer Klettergeselle. Als er von meiner Bredouille erfährt, spendet er mir netterweise ein paar seiner Arbeitshandschuhe für mein nächstes Klettersteigerlebnis. Der Wanderpfad windet sich oberhalb des Panoramaweges die schroffen Felsformationen vermeidend auf den breiten Grat hinauf. Fast übersehen wir den Einstieg zum KS auf die Elferspitze. Der Anstieg über die Gratkante ist nicht minder steil als auf der anderen Seite. Doch dieses Mal wimmelt es im Felsen von Drahtstiften und Trittklammern. Damit und mit meinen neuen Handschuhen ist selbst die enge Rinne relativ leicht zu bewältigen. Nach Traverse eines geneigten Blockes und einem Spreizschritt, bei dem ich mir wünschte, meine Beine wären vorübergehend 10cm länger, folgt ein weiterer beinahe senkrechter Aufschwung und schon stehen wir keuchend auf dem Gipfel, wo uns ein alter Bekannter erwartet – der erste Kletterer von der Südseite. Er war über den KS ebenso schnell wie wir über den Spazierweg…

Den Gipfel schmückt kein Kreuz, sondern eine Art Rakete aus Holz. Die Aussicht ist fantastisch, mittlerweile sind die tiefen Wolken verschwunden und wir vertiefen unsere Orstkenntnisse anhand unserer Landkarten. Im Nordosten am Taleingang prangt die eindrucksvolle Nase der Serles, dem „heiligen Berg Tirols“, der uns schon von der Brennerstraße aufgefallen war. Im Südwesten präsentiert sich nun auch der Habicht von seiner wolkenlosen Seite – ein imposanter Klotz. Nach kurzer Diskussion, ob nicht vielleicht der halbseidene Notabstieg dem Abklettern über die Stahlseile vorzuziehen sei, finden wir uns doch auf dem Klettersteig wieder. Die Rinne bereitet wie erwartet einige Schwierigkeiten. Es gibt nun einmal keine Norm für Bergsteiger, was Körperlänge und -fülle betrifft und Tritte sind von oben definitiv schwerer auszumachen als von unten.

Am Ende landen wir wieder auf dem breiten Boden der Tatsachen. Das war ein wohldosiertes Abenteuer für den ersten Tag. Wir sind rechtschaffen platt aber happy über unsere kormfortablen neuen Gurte. Es lockt hier oben laut Karte noch ein zweiter Gipfel genannt Nördlicher Elferturm. Er scheint das begehrte Ziel vieler Wanderer zu sein, u.a. der Gruppe aus Litauen, die uns mittlerweile überholt hat. Überraschenderweise ist der Elferturm ohne KS erreichbar. Nur die letzten Meter zum Kreuz erfordern leichte Kraxelei. Es herrscht Stau. Eine charmante junge Dame erklärt uns auf Englisch, dass nur wenige Personen gleichzeitig zum Gipfel aufsteigen könnten. Wir warten ungeduldig auf unseren Auftritt, etwas hin- und hergerissen zwischen Gipfelsammelgier und der Besorgnis, wir könnten die letzte Talfahrt mit der Elferbahn verpassen. Schließlich ist es soweit, ein kurzes schrofiges Stück hinauf und die nächste Warteschlange. Offenbar bietet der Gipfel nur Platz für eine einzige Person. Also einzeln hoch über ein paar Drahtstifte, das Kreuz abklatschen und fix wieder hinunter, da schon der nächste Gipfelstürmer auf seine Gelegenheit erpicht ist – ein unvergessliches Erlebnis. Immerhin belehrt uns eine Plakette, dass wir soeben einen der „Seven Summits“ des Stubaitals bestiegen haben, eine Tatsache, deren Tragweite uns erst noch bewusst werden muss.

Der Abstieg über den breiten, zunehmend grasigen Bergkamm nimmt sehr viel weniger Zeit in Anspruch als befürchtet und so erreichen wir die Bergstation der Bahn deutlich vor Feierabend.

 

3.Tag: Nürnberger Hütte und Mairspitze

Gipfel:                       Mairspitze Vorgipfel (2775m)

Ausgangspunkt:         Parkplatz Nürnberger Hütte (1350m)

Höhendifferenz:         1400m

Gesamtdauer:           6.5h

Ausrüstung:               Bergwanderung (Rucksack)

Bedingungen:             Nebel, nasser Neuschnee ab 2700m

Frage: wo ist denn der zweite Tag geblieben? Antwort: der Sintflut zum Opfer gefallen. Statt Gipfelglück erkundeten wir die Stubaier Metropolen Neustift und Fulpmes mit Regenschirmen bewaffnet und nutzten unsere Stubai Super Card für gratis Busfahrten und den Eintritt in das Hallenbad. Immerhin gelang es uns, im Tourismusbüro eine Liste der illustren 7 Summits des Stubaitales zu ergattern. Ich fühle mich in der Qualität meiner gewissenhaften Vorbereitung auf diesen Urlaub bestätigt, standen sie doch alle bereits auf meiner langen Liste möglicher Gipfelziele:

  • Elferkofel
  • Serles
  • Habicht
  • Hoher Burgstall
  • Zuckerhütl
  • Wilder Freiger
  • Rinnenspitze

Neben der Einführung der Stubai Super Card sind die 7 Summits wohl der zweite Geniestreich der Marketingabteilung des Tourismusverbandes – nun haben wir ein hehres Ziel vor Augen: möglichst viele dieser 7 prominenten Erhebungen abzuhaken.

Heute morgen haben wir unsere Ferienwohnung schweren Herzens mit Sack und Pack verlassen und sind mit Mika’s Nutzfahrzeug talaufwärts zum Parkplatz der Nürnberger Hütte gefahren. Die nächsten beiden Nächte werden wir auf eben dieser Hütte verbringen – ein notwendiges Opfer für die Besteigung des Wilden Freiger, der mit 3418m ein ordentlicher Kracher ist und möglicherweise schon den Höhepunkt unseres Urlaubs darstellt. Der Himmel ist nach dem langen Regenguss immer noch wolkenverhangen, doch für morgen sind optimale Bedingungen vorhergesagt. Wer weiß, wann die Sonne danach wieder einmal auf das schöne Österreich hinunterscheinen wird – man muss eine solche Gelegenheit beim Schopf packen!

Das haben sich auch zahlreiche andere Touris gedacht, denn der Parkplatz platzt bei unserer Ankunft beinahe aus allen Nähten. Als gut organisierter Kontrollfreak hatte ich meinen großen Rucki schon vor unserem Aufbruch gepackt, zur Belohnung darf ich nun Mika dabei zusehen, wie er in aller Seelenruhe seine Ausrüstung im Kofferraum zusammensucht.

Endlich brechen wir auf mit dem Zwischenziel Nürnberger Hütte (2278m). Auf breiter Forststraße geht es gemächlich bergauf zur Bsuechalm (1572m), auf der wir nach einer halben Stunde Gehzeit im Nebel schon unsere erste Geschäftspause einlegen. Der Weiterweg ist nicht intuitiv ersichtlich, wir folgen einigen vagen Spuren im Grünen jenseits der Kapelle und durch ein Tor. Dahinter zeichnet sich wieder ein deutlicher Pfad ab, der uns langsam in vielen Serpentinen recht ereignislos nach oben bringt. Die Sicht ist bescheiden, Wolkenfelder breiten sich in mehreren Höhenlagen aus und lassen nur hier und da einen Blick auf die umgebenden Berge zu. Wenn die Suppe einmal aufreißt, lugen weißgetünchte Spitzen daraus hervor. Was immer uns morgen auf unserem dicken Dreitausender erwartet – Schnee dürfte dabei sein.

Nach gut drei Stunden erreichen wir die Nürnberger Hütte, die auf einem Absatz hoch über dem Langental thront. Wir checken ein und sichern uns schon einmal die besten Betten im Lager 21 (wie wir glauben – immerhin handelt es sich um zwei freistehende Einzelbetten, so dass wir des Nächtens nicht Gefahr laufen, mit fremden Leuten kuscheln zu müssen). Wir deponieren einen Teil unserer Ausrüstung im Trockenraum (der Name „Käseraum“ erscheint uns adäquater) und schicken uns an, den Hüttenberg der Nürnberger zu besteigen, die Mairspitze (2780m).

Der Pfad beginnt hinter der Hütte, er wird auch für den Übergang zur Sulzenauhütte (2191m) genutzt. Er führt mäßig ansteigend durch ein gerölliges Hängetal hinauf. Bald machen wir wenige Minuten vor uns eine Gruppe von einem halben Dutzend Berggängern aus, die allesamt mit dem dem Gesicht zum Bergmassiv gewandt zu stehen scheinen, so als würden sie gleichzeitig urinieren. Als wir sie erreichen, bemerken wir, dass ein Teil von ihnen von Panikattacken wegen des etwas exponierten Höhenweges erfasst worden ist. Wir passieren die Gruppe und erreichen alsbald einen kecken Grat, der nicht zu steil in Richtung Gipfel führt. Leider haben wir die Wolkengrenze erreicht, der Großteil des folgenden Aufstiegs findet im Nebel statt. Ab 2700m finden wir eine geschlossene Schneedecke vor. Sie wird von letzter Nacht stammen, der Schnee ist unangenehm seifig.

Im Nebel folgen wir beinahe einem falschen Grat, der planmäßige Weg führt stattdessen in leichter aber glitschiger Kraxelei hinab in eine Mulde. Wir überholen einen Jungen und zwei Männer, die ihn führen. Ich glaube zunächst, der Junge sei blind doch dann stellt sich heraus, dass er unter akuter Höhenangst leidet. Zumindest scheinen seine beiden Aufpasser ihm dies zu suggerieren. Er selbst scheint ok zu sein. Die drei gehörten wohl zur Gruppe der „Stehpinkler“ und müssen uns während einer unserer legendären Pausen überholt haben.

Schließlich lassen wir die Abzweigung zur Sulzenauhütte zu unserer Linken und wandern die letzten Meter nach Norden zum Gipfelkreuz. Auch eine Sitzbank steht hier, doch insgesamt zeigt sich uns der Gipfel der Mairspitze ziemlich ungemütlich – nasser Schnee, null Sicht, ein eisiger Wind und der gesamte Grat ist bedeckt mit Exkrementen von Ziegen oder Schafen oder sonstigen Alpenbewohnern. Ab und an lugt der eigentliche Gipfel der Mairspitze aus der Hechtsuppe hervor, eine steile Zinne, die nur wenige Meter über unserem „Marketingkreuz“ liegt. Streng genommen haben wir also nicht den höchsten Punkt des Berges erreicht, der ist nur mit einiger Kletterei zu bewältigen. Das deprimiert uns nicht sonderlich, wir brechen alsbald auf zurück zur Hütte, in spannender Erwartung des Abends auf der selbigen.

Bei unserer Rückkehr finden wir unser Lager und den Schankraum gerammelt voll vor. Eine der drei aparten jungen Mitarbeiterinnen bringt uns noch an einem Tisch unter, wo wir unser 4-Gänge Menü genießen (beim letzten Gang handelt es sich um ein Schnäpsken). Wir lernen Astrid und Stephan aus München kennen. Die beiden sind auf einer 24-tägigen Hüttentour unterwegs, alle Achtung. Mika und meine Wenigkeit konstatieren, dass dies nichts für uns wäre. Zu sehr haben wir in den letzten Jahren den Luxus des Basecamps im Tal schätzen gelernt. Die beiden folgenden Nächte werden für uns befremdlich genug ausfallen, wie wir fürchten…

4.Tag: Wilder Freiger und Abstieg zur Nürnberger Hütte

Gipfel:                        Wilder Freiger (3418m)

Ausgangspunkt:         Nürnberger Hütte (2278m)

Höhendifferenz:         1200m

Gesamtdauer:           10h

Ausrüstung:               Hochtour (Pickel, Steigeisen, Seil)

Bedingungen:             Frühnebel, Neuschnee ab 2800m

Irgendwie schaffen wir es wieder einmal, als letzte Gruppe aufzubrechen. Dabei habe ich nachts im Lager 21 unverhofft gut geschlafen. Mika nach eigenem Bekunden weniger, er lag frierend unter dem offenen Fenster und hatten zudem Angst, er könne einem von mir angeführten Lynchmob zum Opfer fallen, sollte er im Schlaf sein berüchtigtes Gesäge absondern. Geschieht ihm Recht, schließlich ist das Schnarchen kein gottgegebenes Leiden, sondern eine vermeidbare schlechte Angewohnheit wie das Rauchen oder das Kaugummis-unter-den-Tisch-kleben. Ich wünschte, er würde im Zweierzimmer einmal ebenso rücksichtsvoll sein wie im Beisein anderer.

Zum alles entscheidenden Wetter: noch immer hängen viele Wolken um uns herum. Wir können nur hoffen, dass es im Laufe des Tages aufzieht. Schlimmstenfalls müssten wir hoch oben den Spuren im Schnee folgen, welche die anderen Gruppen vor uns bis dahin getreten haben werden. Auf unserem Weg über die abgeschmirgelten Platten des Hängetals scheinen ab und an schon einmal die schnee- und eisbedeckten Gipfel der Feuersteine durch den Dunst. Der Wilde Freiger entzieht sich noch unseren Blicken, was möglicherweise daran liegt, dass er weiter im Westen liegt. In teils steilen Kehren folgen wir dem Pfad unterhalb der Felswand der Urfallspitze (2805m). Deren Gipfel erweist sich von der Seescharte aus als ein rostiger, grünspaniger Zinken, den man ohne Kletterei leider nicht so einfach ‚mitnehmen‘ kann. Dafür haben wir noch ein anderes Ass im Ärmel, nämlich das Gamsspitzl (3050m), laut Karte nur einen Steinwurf vom Aufstiegsweg zum Freiger entfernt.

Leider hat sich neben einer Schneedecke in dieser Höhe auch der Nebel hartnäckig gehalten. Wir können froh sein, wenn wir in dem weißgetünchten Blockgelände die nächste rot-weiße Wegmarkierung ausmachen können. Unsere Stimmung ist gedrückt. Sollte sich der wilde Freiger am Ende als gemeines Nebelloch herausstellen? 2100m Aufstieg und zwei Hüttenübernachtungen für ein Gestolpere im Dunst? Wir gehen wacker weiter, halten aber nebenbei Ausschau nach der Abzweigung zum Gamsspitzl, das in unseren konsternierten Seelen allmählich zum Plan B avanciert. Plötzlich reißt um uns der Nebel wie von Geisterhand auf und vor uns manifestiert sich das Gemälde einer weißen Schneekuppe, die in der Sonne glänzt. Wir sind ein wenig perplex und wissen diesen Anblick erst nicht so recht zu deuten. Wir befinden uns etwa 2900m ü.NN. Glauben wir zunächst, dies könne der nahegelegene Gipfel des Gamsspitzls sein, wird uns schließlich bewusst, dass es sich um den noch recht weit entfernten Freiger handeln muss. Eine weiße Rampe, ein typischer Gletscherhang eben. Rechts oben glauben wir einige Personen auf dem vermeintlichen Gipfel erkennen zu können. Endlich werden wir auch des Gamsspitzls gewahr, eines glanzlosen Trümmergrates zu unserer Rechten, auf dem sich ebenfalls Menschen tummeln. Wir finden gar die markierte Abzweigung, entscheiden uns aber angesichts der Situation, gleich zum Wilden Freiger durchzustarten, um die Initiative und das Wetterfenster nicht zu verlieren.

Der Weg ist nun klar vorgezeichnet – über einige Firnfelder auf einen Felsengrat, schließlich auf den Gletscher und am Ende über den Gipfelkamm zum Kreuz. Da ist für jeden Gusto das passende Gelände dabei. Für die Schneefelder machen wir schon einmal die Eispickel klar. Erstere erweisen sich als nicht besonders steil und eine deutliche Spur ist auch bereits getreten. Der anschließende Grat fängt harmlos an, seine Besteigung verwandelt sich jedoch bald in ein seriöses alpines Unterfangen. Die wenigen cm Neuschnee auf dem gerölligen Boden verwandeln sich im prallen Sonnenschein in eine schwer zu berechnende Variable. An einigen Stellen verjüngt sich der Grat zu allem Überfluss zu einer schmalen Schneide. Da heißt es einen Fuß langsam vor den anderen setzen und nicht an die möglicherweise verheerenden Folgen eines Ausrutschers denken. Eine im Schatten liegende, gefrorene Rinne schreit eigentlich schon nach Steigeisen, doch wir bezwingen sie noch ohne. Am Ende erreichen wir erleichtert den Rand des Gletschers. Das hat Zeit, Energie und Nerven gekostet.

Wir erlauben uns eine längere Pause, in der wir Steigeisen anlegen und uns anseilen. Mika, der Seilbeauftragte, beschwert sich, das Seil sei zwischendrin verknotet. Dann entsinnen wir uns der Tatsache, dass wir vor unserer letzten Gletschertour Bremsknoten in das Seil eingearbeitet hatten. Das muss vor vier Jahren auf der Marmolada gewesen sein. So gewissenhaft pflegt und prüft Mika also sein potentiell lebensrettendes Seil… Ich bekomme mit Mühe und Not noch einen Achterknoten hin und so hängt die Strippe bald an meinem Sitzgurt (hatte ich erwähnt, dass wir neue Gurte haben, die untenrum nicht mehr kneifen?).

Die lange Pause hat mir gut getan, ich fühlte mich während des Aufstieges irgendwie unwohl heute morgen, nun komme ich mir wie befreit vor und bin happy, unsere kleine Seilschaft die letzten 200 oder so Meter nach oben zu führen. Im Wesentlichen bedeutet dies, der gestampften Spur über den etwa 30 Grad steilen Gletscherhang zu folgen. Von Spalten ist nichts zu sehen. Uns kommen einige im Abstieg befindliche Gruppen entgegen, niemand ist angeseilt. Zu unserer Überraschung reicht der Gletscher nicht bis hinauf zum Gipfelgrat, vielmehr betreten wir zunächst einen flachen Firnhang. Wir entseilen uns und folgen den Trittspuren an einer groben Baracke vorbei nach Südwesten auf den Grat zu (was wir zu diesem Zeitpunkt nicht realisieren – ein Stück weiter östlich hätten wir noch den Signalgipfel – 3393m – ohne großen Umweg mitnehmen können). So langsam macht sich bei mir die ungewohnte Höhe bemerkbar mit dem handelsüblichen Brummschädel. Doch nun ist es nicht mehr weit, einige Meter über den schmalen Grat. Hier ist nochmals Vorsicht geboten dank des Schnees, der auf dieser Höhe fest gefroren ist. Die buchstäblich letzten Meterchen zum Gipfelkreuz sind äußerst exponiert und erfordern einige Kletterei in „kombiniertem Gelände“, wie es so schön heißt. Wir entscheiden uns dafür, die Steigeisen abzulegen, nehmen das Herz in die Hand und finden uns schließlich auf dem luftigen Gipfel wieder. Richard Gödeke gibt der Tour auf den Wilden Freiger von der Nürnberger Hütte in seinem Werk „3000er in den Nordalpen“ ein „F“ – ich denke mal, unter den heutigen Bedingungen hat sie sich ein „+“ dahinter verdient.

Die Sicht auf die umliegenden Berge ist fantastisch. Im Westen der Ötztaler Grenzkamm, im Osten die Zillertaler. Weiß ist überall die dominante Farbe. Doch die ganz große Gemütlichkeit mag aus zwei Gründen nicht aufkommen: trotz Sonnenschein ist es lausig kalt, die Temperatur liegt unter dem Gefrierpunkt und der arktische Wind lässt die Tatsache vergessen, dass wir Hochsommer schreiben. Zudem haben wir noch einen anstrengenden Job zu erledigen – heil wieder abzusteigen. So beschließen wir, nach wenigen Minuten den Rückweg anzutreten und lieber irgendwo weiter unten im Windschatten unseren Knochen eine verdiente Pause zu gönnen. Wie so oft war wieder einmal der Weg das Ziel und die Freude über das Erreichen des vermeintlichen Höhepunktes wird sich erst beim abendlichen Bierlein so recht einstellen, wenn die letzte Anspannung von uns abgefallen sein wird.

Die Kletterpartie am Gipfelgrat und der spätere Abstieg über den Nordostkamm erfordern eine Menge an Konzentration. An eine Mitnahme des Gamsspitzls denken wir nicht einmal mehr im Traum, zu müde sind wir und zu insignifikant erschien es uns von den oberen Rängen des Freiger aus betrachtet. Als wir nach etwa 8 Stunden die mittlerweile apere Seescharte erreicht haben, wagen wir eine ausgiebige Pause in der Nachmittagssonne – wohl wissend, dass wir aus dem Gröbsten heraus sind. Allmählich wird uns bewusst, dass wir mit dem Wilden Freiger heute nicht nur den 367. Gipfel meiner Laufbahn oder unseren 2. der Stubai Seven Summits bestiegen haben, sondern einen wirklich „großen Dreitausender“, der sich in eine Reihe mit dem Similaun oder der Civetta einfügt.

5.Tag: Abstieg von der Nürnberger Hütte und Hoher Burgstall

Gipfel:                        (1) Niederer Burgstall (2436m), (2) Hoher Burgstall (2611m)

Ausgangspunkt:         Bergstation der Kreuzjochbahn (2136m)

Höhendifferenz:         550m

Gesamtdauer:           3h

Ausrüstung:               Bergwanderung (Rucksack)

Bedingungen:             Perfekt

Nach unserer zweiten Nacht auf der Nürnberger Hütte machen wir uns nach einem flüssigen Frühstück auf zum Talabstieg. Die Sonne scheint von einem unbefleckt blauen Himmel, während wir mit einer Herde Ziegen um die Wette das Langental hinuntereifern. Vor uns bäumt sich die Brennerspitze über dem Stubaital auf uns wird klar, dass wir die Gunst der Stunde nutzen und heute Mittag noch eine Halbtagestour dranhängen werden wollen müssen. Denn die Wetterprognose verspricht ab morgen wiederum Launenhaftigkeit. Der Abstieg zum Parkplatz ist in 2.5 Stunden zu bewältigen. Das gibt uns genügend Zeit, nach Neustift zu fahren, im Sonnleitn einzuchecken und mit Unterstützung unserer frisch gedruckten Stubai Cards einen sonnenbestrahlten Seilbahngipfel abzustauben. Der beste Kandidat für dieses Unterfangen scheint uns der Hohe Burgstall zu sein. Nur gut 500 Höhenmeter trennen uns von unserem dritten Stubai Seven Summit – für solch ein hehres Ziel schieben wir schon einmal Kohldampf!

Der Hohe Burgstall (2611m) liegt am südlichen Ende der Kalkkögel, einer Bergkette, die sich nördlich von Neustift erstreckt und überwiegend aus Dolomit besteht. Er ist im Grunde der Hausberg von Neustift, obwohl nicht viele Bergwanderer ihn von dort aus besteigen dürften wegen der stattlichen Höhendifferenz von 1600m und der unattraktiven Lawinenschutzverbauungen. Vielmehr bietet sich eine Gondelbahnfahrt vom Nachbarort Fulpmes aus hinauf in das Skigebiet „Schlick 2000“ an.

Gut eingecremt verlassen wir die Bergstation der Kreuzjochbahn (2136m) am frühen Nachmittag und staunen nicht schlecht ob der Kulisse, welche sich vor den Augen der zahllosen Betrachter abzeichnet. Wiederum glauben wir in Südtirol in den Dolomiten zu stehen, als wir die schroffen Wände der Schlicker Seespitze, der Ochsenwand und der Schlicker Zinnen erblicken (um nur einige zu nennen). Hier befinden sich mehrere (für unsere Verhältnisse) recht anspruchsvolle Klettersteige. Unser Ziel ist weniger ambitioniert und liegt links von der eindrucksvollen Bergkette und wird noch durch den Niederen Burgstall verdeckt.

Wir nehmen den gut ausgebauten Panoramaweg in westlicher Richtung. Den Alpenpflanzenlehrpfad müssen wir heute aus Zeitgründen leider ausfallen lassen – zum Unmut von Mika, der ein echter Kräuteraficionado ist. Wahre Menschenmassen sind heute unterwegs, allesamt wie wir angezogen von Sonnenschein und gratis Bahnfahren. Hinter der Schianlage der Sonnjochhütte führt ein gut ausgetrampelter Pfad auf den Niederen Burgstall zu, vermeidet dann aber den Aufstieg über Felsterrain zu Gunsten einer Traverse an seiner Südseite. Die letzten Höhenmeter treiben uns den Schweiß aus den Poren, ehe wir das Joch zwischen den beiden Burgställen erreichen. Wir entscheiden uns für den 5-minütigen Abstecher zum Niederen Burgstall (2436m), wo wir uns auf der sattgrünen Gipfelwiese mit Nordwandschau über unseren Proviant hermachen.

Von den Menschenmassen ist nicht mehr viel zu sehen, wir teilen uns den Gipfel mit relativ wenigen Grüppchen. Wieder einmal finden wir die alte Bauernregel bestätigt, die da lautet „die Besucherdichte verhält sich reziprok proportional zum Quadrat der Entfernung vom/von der nächstgelegenen Parkplatz/Bahnstation/Futterbude. Wir lassen ein Foto von uns vor dem stylischen Gipfelkreuz schießen – es wirkt wie eine Fusion aus Notenschlüssel und Mercedes-Stern. Wir werden Zeugen eines kuriosen Schauspiels – an einer der gegenüberliegenden Bergspitzen versucht ein Helikopter offenbar eine Bergung. Ob es sich dabei um eine Übung oder den Ernstfall handelt, vermögen wir nicht zu sagen. Jedenfalls ist an einer der Felswände ein roter Klecks erkennbar, der offenbar das Ziel des Hübis darstellt.

Nach einer Weile wenden wir uns dem Hauptziel des Tages zu, dem Hohen Burgstall. 200 Höhenmeter müssen wir dazu über den stumpfen Ostgrat hinaufzusteigen. Am Ende dürfen wir noch eine breite, schrofige Rinne in leichter Kletterei erklimmen. Reichlich mit Fixseilen gesichert. Nun trennen uns nur noch wenige Meter vom Gipfel, der überraschend gut besucht ist, vor allem von überaus lästigen Schmeißfliegen. Hier halten wir es nicht lange aus, sondern steigen lieber zum oberen Ende der Rinne hinab, wo wir auf einem grünen Nebengipfel pausieren und die Aussicht genießen. Vom Inntal hinüber zu den gletscherträchtigen Grenzgipfeln, über Habicht herüber zur Serles und dahinter die weißen Zillertaler, alles steht heute zu unserer Disposition.

Um den Abstieg ein wenig aufzupeppen, beschließen wir den alternativen Pfad zu nehmen, der sich gegen den Uhrzeigersinn um die Südkante des Hohen Burgstalls herum schlängelt und uns hoffentlich ohne nervige Gegenanstiege zum Joch zwischen den beiden Burgställen geleiten wird. Und dies tut er auch, teilweise mit Drahtseilen versehen und an einer Stelle kommen wir auf Du und Du mit den Lawinenverbauungen, die so gewaltig sind, dass man von sie selbst vom Elferkofel aus über Neustift lauern sehen konnte. Am Sennjoch lümmeln wir uns noch etwas in der Wiese herum, bis wir endlich die Bahnreise nach unten antreten. Wir haben immer noch nicht genug von der Sonne, daher fahren wir zum Parkplatz des Hochseilgartens, um diesen großartigen Tag am Ufer der Ruetz ausklingen zu lassen. Kaum haben wir uns auf eine Wiese gesetzt, werden wir auch schon hinterrücks von drei Kühen attackiert. Mit gesenkten Häuptern kommen sie auf uns zu, wir springen im letzten Augenblick zur Seite. Schon marschieren sie weiter auf die nächsten Besucher zu. Wie systematisch, so eine Vorgehensweise war uns von Rindviechern nicht bekannt. Auf der anderen Seite des Flusses erscheint ein Ochse und gibt akkustische Signale, wie ein General, der seine Soldaten in die Schlacht sendet. Vielleicht interpretieren wir am Ende doch mehr in die Situation hinein als angemessen. Die Kühe waren vielleicht ein wenig „bees“ wegen der Gruppe Kinder, die bei unserer Ankunft mit ihnen zu spielen suchte. Doch als die Viecher sich schließlich anschicken, uns den Weg zum Parkplatz (der mit Gästekarte kostenlos ist!) abzuschneiden, lassen wir es für heute gut sein. Zeit, an das Abendessen zu denken. Irgendwie steht mir plötzlich der Sinn nach Kalbfleisch.

6.Tag: Von Kühen und Klämmen

Heute haben wir es mit dem Frühstück nicht eilig, regnet es doch aus allen Rohren. Mit Wifi auf dem Zimmer und mit Smartfon und Tablet bewaffnet nutzen wir die Gelegenheit, die Regenwolken auf dem Live-Radar im Internet zu verfolgen und uns auf Youtube Videos von vermeintlichen Kuhübergriffen anzuschauen. Diese „Angriffe“ nehmen sich ziemlich harmlos aus und zeugen mehr von der Hysterie der menschlichen „Opfer“ als von der Bösartigkeit der Rindviecher. Wir erinnern uns, dass vor zwei Jahren eine Wanderin in den Alpen von Kühen tödlich verletzt wurde. Im Kielwasser dieses Ereignisses begann die Presse damals, in ihrer üblichen Art von einer angeblichen Flut von bovinen Übergriffen zu berichten („Wieder ein Wanderer von Kühen angegriffen“) und ein Szenario gleich Hitchcock’s „Die Vögel“ heraufzubeschwören, in der die geknechteten Nutztiere sich gegen ihre Unterdrücker erheben.

Man darf der Journaille nicht einmal einen Vorwurf machen – schlechte und bedrohliche Nachrichten verkaufen sich nun einmal besser als gute, denn sie erzeugen beim Konsumenten eine weitaus stärkere emotionale Reaktion. Dies ist evolutionsbiologisch einfach zu erklären, denn negative Nachrichten signalisieren potentielle Gefahr, der es zu begegnen gilt. Versetzen wir uns zurück in die Morgendämmerung der Menschheit, 200.000 Jahre in die Vergangenheit. Frau Feuerstein, die bereits seit dem frühen Morgen auf den Beinen ist und Pilze gesammelt hat, weckt Herrn Feuerstein gegen Mittag mit den Worten „Schatz, steh auf, die Sonne scheint“. Das beeindruckt den Herrn der Schöpfung natürlich wenig, denn in Afrika scheint zumeist die Sonne. Frau Feuerstein merkt, dass sie schärfere Geschütze auffahren muss, um den Herrn der Schöpfung doch noch zum Aufstehen zu motivieren, also ruft sie „Schatz, da schleicht ein Säbelzahntiger vor der Höhle herum“.

Von solch einer Art Journalismus möchten sich die Alpenreporter an dieser Stelle ausdrücklich distanzieren. Hier folgt unser Standpunkt zu dieser Thematik: Kühe sind nützliche Tiere, sie geben uns Milch, Fleisch und Leder, halten den Rasen kurz und legen lustige Tretminen. Kühe sind nicht die schlimmsten Killer auf diesem Planeten, das sind in aufsteigender Reihenfolge (3) Bakterien und Viren (2) Langeweile (1) der Mensch. Natürlich gibt es auch unter den Rindern solche und solche und nicht alle sind Frohnaturen, die mit ihrem schweren Los locker umzugehen verstehen. Ich hätte auch so meine Probleme, wenn mir fremde Wesen periodisch an den Nippeln herumzögen und die Glocke um meinen Hals bei jeder kleinen Bewegung einen ohrenbetäubenden Radau machte. Ganz zu schweigen von den Fliegen und Bremsen, die unentwegt um mich herumschwirrten. Deshalb sollte man Kühe wie alle anderen fühlenden Wesen mit Respekt behandeln. Genau wie wir versuchen sie nur, die tägliche Last zu schultern, die das Leben ihnen aufbürdet.

Schließlich raffen wir uns auf und fahren nach Stans im Inntal, wo wir die Wolfsklamm besuchen. Klämme haben sich bei uns mittlerweile zu unterhaltsamen Ausweichzielen bei Schlechtwetter gemausert, wird man bei ihrer Begehung sowieso nass. Anschließend shoppen wir in Innsbruck. Mika kauft sich eine neue Regenjacke (seine alte war angeblich nicht ganz dicht). Sie ist in schickem Signalgrün gehalten. Nun werde ich ihn niemals mehr im Nebel verlieren.

7.Tag: Serles

Gipfel:                        Serles (2717m)

Ausgangspunkt:         Bergstation der Hochserlesbahn (1600m)

Höhendifferenz:         1200m

Gesamtdauer:           8h

Ausrüstung:               Bergwanderung (Rucksack)

Bedingungen:             Nebel, Schnee

Die (offenbar weibliche) Serles ist wohl neben dem Habicht und den Gletschern am Zuckerhütl das Aushängeschild des Stubaitals. Sie ist schon von Innsbruck aus sichtbar und spätestens bei ihrem Anblick von der Stefansbrücke an der Brennerstraße haben wir uns in ihre perfekte Form verliebt. Vom Brenner her blickt man auf den Nord- und den Nordostgrat, die den spitzen Hauptgipfel einrahmen. Von Südwesten führt ein technisch wenig anspruchsvoller Bergweg auf die Gipfelrampe. Der „heilige Berg Tirols“ gilt als einer der schönsten Aussichtsgipfel der Stubaier Alpen. Kein Wunder also, dass unsere Wirtin heute morgen beim Frühstück die Nase rümpfte, als wir die Serles als heutiges Tagesziel deklarierten. Denn das Wetter zeigt sich nach dem gestrigen Trauerspiel immer noch trübe und bedeckt.

Doch einen weiteren Tag ohne Gipfelversuch halten wir nicht aus. Außerdem besteht immer die Hoffnung, dass der Himmel aller Vorhersagen zum Trotze doch noch aufzieht. Eine gute Gelegenheit, meine „Fensterhypothese“ zu testen, die da sagt: an einem nebligen Tag besteht die beste Chance auf einen klaren Gipfelblick um die Mittagszeit, wenn die Sonne am höchsten steht. Generell steigt die Wolkengrenze zum Mittag hin an, um sich dann wenig später wieder abzusenken. Diese Regelmäßigkeit ist mir während vieler Bergwanderungen auf den britischen Inseln aufgefallen, wo selbst die muckeligsten 800m Gipfel an 9 von 10 Tagen in Wolken liegen.

Wir sehen also zu, dass wir um 9 Uhr in Mieders an der Talstation der Serlesbahn stehen. Noch herrscht Trübsal, doch wir setzen all unsere Hoffnung auf das „Mittagsfenster“. An der Bergstation nehmen wir zur Kenntnis, dass unser (gratis-)Rückticket uns alternativ zu einer Talfahrt mit dem „Serlesblitz“, der Sommerrodelbahn, berechtigt – das könnte ein spektakulärer Ausklang unserer Tour werden.

Bevor die eigentliche Bergtour beginnt, heißt es, zunächst einen Hatscher zum Kloster Maria Waldrast (1638m) über eine von Schreinen gesäumte Forststraße zu absolvieren. Hier genehmigen wir uns eine erste Pause. Einige italienische Damen füllen ihre Trinkflaschen mit Wasser aus einer Heilquelle. Wir begrüßen sie standesgemäß mit den Worten „buon giorno“ und haben damit leider auch schon unsere gesamten Italienischkenntnisse ausgereizt. Ein Schild klärt uns über den Umstand auf, dass das Wasser energetisch rechtsdrehend sei und auch gerne zur Bachblütentherapie eingesetzt werde. Scheint alles pseudowissenschaftlich recht fundiert zu sein, also greifen auch wir zu unseren Flaschen. Ich pumpe direkt einmal einen halben Liter von dem Nass ab und – was soll ich sagen – plötzlich ist mein Durst wie durch ein Mirakel weggeblasen!

Hier am Brunnen startet auch der ausgeschilderte Steig zur Serles. Nach zwanzig Minuten Anstieg durch ein Waldstück erreichen wir bald den Serles-Panoramaweg, eine lange Traverse durch Latschen unterhalb der SO-Flanke des Berges. Alle paar hundert Meter wird der Weg durch ausgewaschene Schotterrinnen unterbrochen. Wir legen eine zweite Pause ein. Als wir uns eine halbe Stunde später wieder auf den Hacken befinden, vermisse ich plötzlich meine Kamera! Ich Schussel muss sie am letzten Pausenplatz zurückgelassen haben… Wir marschieren zurück und finden sie dort nicht. Denn sie befand sich tatsächlich die ganze Zeit über in der Tasche meiner Fleecejacke. Sie ist so klein, dass ich sie beim Suchen glatt übersehen hatte. Ich muss an unsere ersten gemeinsamen Dolomitentouren denken, auf denen ich stets meine analoge Spiegelreflexkamera dabei hatte, die noch das Gewicht und die Ausmaße meiner Steigeisen hatte. Zumindest konnte ich die nicht in den Untiefen meiner Jackentasche verlieren. Der arme Mika ist umsonst mit zurückmarschiert. Durch diese Aktion haben wir wenigstens 20 Minuten verloren und unsere Aussicht, das Mittagsfenster zu treffen, die sowieso nicht rosig war, ist damit noch dünner geworden. Denn tatsächlich hat sich der Nebel kontinuierlich gelichtet, der gute Blaser (2241m) im Süden ist schon aufgezogen.

Wir gehen durch ein Gatter und ein Bimmeln im Gebüsch verrät uns, dass wir uns ab jetzt im Feindesland befinden. Jeden Augenblick erwarten wir, dass die braununiformierte, gehörnte Infanterie aus dem Hinterhalt über uns herfällt. Doch die Viecher lassen uns dieses Mal gewähren. Die Wolkengrenze steigt kontinuierlich an, vor uns zieht die schneebedeckte Lämpermahdspitze (2595m) auf und als der Pfad endlich nach Westen hinauf zum Serlesjöchl biegt, quittieren wir den Anblick eines Fleckens blauen Himmels mit Verzückung – da ist es, wie bestellt, das Mittagsfenster. Leider befinden wir uns wenigstens eine Stunde vom Gipfel der Serles entfernt – wird das Fenster bis dahin halten?

Als wir die letzten, beschwerlichen Meter zum Joch durch den weichen Schnee stiefeln, wird uns klar, dass wir zu spät kommen. Das Fenster hat sich wieder geschlossen, der Nebel ist zurückgekehrt. Geisterhaft wabert er um die Rote Wand herum, eine absurde Zinne auf dem Grat zwischen Serles und Lämpermahd. Am Joch haben wir uns eine feuchte und kalte Rast verdient. Die Stimmung ist gedrückt, doch wir beschließen, den Gipfel der Serles zu ‚machen‘, wo wir nun einmal hier sind. Es scheint nutzlos, mit Umständen zu hadern, die sich unserem Einfluss entziehen.

Der Gipfelanstieg erweist sich auch unter den heutigen Bedingungen als wenig schwierige Bergwanderung. Gleich zu Beginn gilt es, eine Felsstufe mittels einer kleinen Leiter und einigen Seilsicherungen zu überwinden. Der Pfad führt kurzfristig ausgesetzt am Grat entlang, bis wir die angesprochene Gipfelrampe erreicht haben, auf der er in vielen Serpentinen hinauf bis kurz unterhalb des Gipfels zieht, wo noch ein paar kurze Kletterstellen auf uns warten. Den Fußspuren zufolge sind wir dann doch nicht die ersten oder einzigen Besteiger am heutigen Tage. Da sind wir also, auf dem Erste-Klasse Aussichtsgipfel über dem Stubaital – doch ohne seine phosphoriszierende Grashüpferjacke vermochte ich den Mika neben mir kaum zu erkennen.

Der Abstieg verläuft ereignislos auf dem gleichen Weg. Wir gewinnen das Rennen mit dem Feierabend der Bergbahnbediensteten, doch leider ist die Sommerrodelbahn am heutigen Tage geschlossen, wohl weniger wegen des Wetters als wegen fehlender Touristen.

 

8.Tag: Rinnenspitze

Gipfel:                        Rinnenspitze (3000m)

Ausgangspunkt:         Oberrißalm im Oberbergtal (1750m)

Höhendifferenz:         1250m

Gesamtdauer:           9h

Ausrüstung:               Bergwanderung (Rucksack)

Bedingungen:             Schnee

Es ist Donnerstag und unser vorletzter, geplanter Tourentag. Der Wetterbericht verspricht relativ gutes Wetter – für heute. Wir haben uns für die Rinnenspitze entschieden, unseren 5. und vorläufig letzten der „Stubai Seven“. Für das Zuckerhütl scheinen uns die Bedingungen nicht mehr gut genug zu werden und für den Habicht reicht die Zeit nicht mehr. Gleiches gilt für den Hochfeiler im Zillertal. Den haben wir schon seit Jahren auf der Liste, wollten ihn immer noch zum Schluss „dranhängen“, doch stets hat uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Auch in diesem Jahr war wieder einmal der Wunsch die Tochter der Porzellankiste.

Das allwissende Internet beschreibt den Normalweg auf die Rinnenspitze als für den trittsicheren und schwindelfreien Berggänger unschwieriges Unterfangen. Mit exakt 3000m Höhe ist er in jedem Fall der niedrigste Dreitausender, den wir je angegangen sind. Kurioserweise starten wir nicht mit einer kostenlosen Bergbahnfahrt, sondern bringen uns mit dem Auto auf der Fahrt durch das Oberbergtal, einem Nebental des Stubaitales, auf Starthöhe. Am Parkplatz der Oberrißalm (1750m) berappen wir einen Fünfer und bemerken mit leichtem Unbehagen, dass es während der Nacht wieder einmal geschneit haben dürfte, denn dort, wo der Nebel sich herablässt, kurz aufzuziehen, gibt er den Blick auf weiße Hänge frei. „Schnee bis in tiefe Lagen“, kommentiert Mika trocken. Was dies wohl für unsere angeblich leichte Dreitausendertour bedeuten mag?

Immerhin sind heute morgen viele Leute unterwegs auf dem Weg zur Franz-Senn-Hütte (2149m), die überall bei meinen Recherchen auftauchte, da sie den Stützpunkt für viele interessante Gipfelziele darstellt, u.a. für die Ruderhofspitze (3474m). Die ersten 200 Hm über grüne Serpentinen lassen die bleierne Morgenkälte schnell vergessen. Nach einem Stündchen passieren wir die Alpein Alm (2010m). Nun ist es nicht mehr weit bis zur FS-Hütte, vorbei an einer tiefen Schlucht, in die sich der Oberbergbach in jahrtausendelanger Kleinarbeit hineingefressen hat. Die Hütte ist ein Ungetüm mit 5 Stockwerken. Wir sehen von einer Hütteneinkehr ab, wir wollen nicht zu viel Zeit verlieren und auf gar keinen Fall das „Fenster“ für unsere Gipfelbesteigung verpassen.

Wir legen nur eine kurze Rast auf der Wiese hinter der Hütte ein. Die tiefhängenden Wolken haben in der Tat an Höhe gewonnen und fangen an, aufzubrechen. Nun sehen wir, warum die FS-Hütte so überaus populär ist – ihre Lage und die Aussicht sind schlichtweg unbeschreiblich. Vor uns öffnet sich das Hochtal hin zu spektakulären Spitzen und Gletschern – der Neuschnee verhilft dabei natürlich der Dramatik ein bisschen auf die Beine. Links führt ein kleines Steiglein auf den obligatorischen Hüttengipfel, der eigentlich nur das Gratende der Sommerwand darstellt. Im Nordwesten lugt für einen kurzen Augenblick ein weißes Spitzlein hervor, das laut Karte im Grunde nur unsere Rinnenspitze sein kann.

Über die Brücke geht es auf die Nordseite des Baches. Der Weg entfernt sich zunächst von unserem Ziel, um dann nach anfänglichem Höhengewinn auf einem Absatz wenig steil nach Westen zu führen. Drei Damen in Klettersteigmontur kommen uns entgegen, sie sind soeben den Edelweißsteig hinaufgekraxelt, die Hüttenferrata. Nach einer Weile kommt die Rinnenspitze ins Blickfeld in Form eines kessen ungleichseitigen Dreiecks, das nach Süden steil abfällt, nach Norden jedoch einen sanft abfallenden Grat abwirft. Die Aufstiegsroute drängt sich unseren erfahrenen Augen sofort auf – eine schneebedeckte Schneise zieht sich diagonal vom südlichen Fuß hinauf in Richtung Nordostgrat.

Auf etwa 2500m legen wir eine Pause ein. Hier liegt schon eine geschlossene, wenn auch seifige Schneedecke. Man darf gespannt sein, wie es weiter oben aussieht… Als wir anschließend nur wenige Meter weiter getrottet sind, entdecken wir auf dem höchsten Punkt unseres Schotterhügels eine hölzerne Sitzgarnitur. Dies wäre ein feiner Pausenplatz gewesen. Wir überqueren einen flachen Teich mittels der arrangierten Trittsteine und beginnen bald mit dem finalen Aufstieg. Ich finde eine Sonnenbrille, die jemand strategisch sichtbar auf einem Stein platziert hat. Ich lasse sie liegen, der Eigentümer könnte immer noch vor uns auf dem Berg unterwegs sein. Wir ignorieren die Abzweigung nach links zum Rinnensee und stiefeln über feuchten Schnee teils recht exponiert die Boulderrampe hinauf. Unter trockenen Bedingungen macht dies sicherlich mehr Spaß.

Letztlich endet die Rampe unerwartet etwa 30m unterhalb des Gipfelgrates. Ein mit Trittklammern und Stahlseilen üppig ausgelegter Klettersteig führt die steile Wand hinauf. Eine ganze Schar von Menschen ist im Abstieg begriffen, vorsichtig klettern sie einer nach dem anderen den feuchten, flechtenübersäten Fels ab. Ebenso wie die Absteiger haben auch wir kein Klettersteigset im Gepäck. Als die Bahn endlich frei wird, beginne ich, mich am Seil hinaufzuhangeln. Nach einer Weile stellt sich die Wand als machbar heraus, der feuchte Fels ist nicht so prekär, wie er in der glitzernden Sonne zunächst erschien. Bald haben wir den Grat erreicht. Der erweist sich als sehr luftig. Manche Stellen sind seilgesichert, andere nicht, was sich unter den heutigen Bodenbedingungen als unangenehm herausstellt. Ein Rutscher wäre hier fatal. Vorsichtig weiter, an manchen Stellen wage ich kaum, mich komplett aufzurichten, sondern laufe geduckt wie ein Frontsoldat. Eine etwas unangenehme, vereiste Stelle, dann auf kurzem Weg auf der Ostflanke des Grates hinauf die letzten Meter zum Gipfel. Der ist nicht geräumiger als der Rest des Grates. Plötzlich bemerke ich einen Widerstand an meinem Rucksack, dann ein metallisches Scheppern. Als ich mich umblicke, sehe ich meinen Teleskopstock, den ich sicher an der Außenseite meines Ruckis arretiert glaubte, den Osthang hinunterkullern. Offensichtlich hatte sich der Stock im Spannkabel des Gipfelkreuzes verfangen und hatte sich gelöst.

Wir legen erst einmal unsere verdiente Gipfelrast ein und versuchen, die Aussicht zu genießen. Es gibt unendlich viel zu entdecken, auch wenn viele Wolken unterwegs sind. Tief unter unseren Füßen erstreckt sich der Lüsener Ferner wie ein makellos weißer Sandstrand. Im Norden glauben wir einmal, unsere Nummer drei, den Similaun, auszumachen. Im Südwesten schält sich kurz eine gigantisch aussehende Spitze aus dem Nebel, laut Karte handelt es sich wahrscheinlich um den Schrankogel (3497m), seines Zeichens der zweithöchste Berg in den Stubaier Alpen nach dem Zuckerhütl. Die ganz große Gemütlichkeit mag nicht aufkommen, wie schon auf dem Gipfel des Wilden Freiger ist es kalt und wir haben noch einen Job zu erledigen, der unsere Gedanken nicht so recht wieder loslassen will – nämlich das Alles heil wieder hinabzusteigen.

Als erstes versuche ich, meinen Stock wiederzubekommen. Er liegt verführerisch nahe, nur wenige Meter unterhalb des Gipfels. Allerdings in einer heiklen Position und ich stelle mir die Frage, ob es wohl rational ist, für ein Stück Aluminium seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Schließlich gebe ich auf. Doch Mika gibt sich nicht geschlagen und am Ende schafft er es tatsächlich, in einer kühnen Aktion das schon verloren geglaubte Gerät doch noch zu bergen.

Auf unserem Weg nach unten lassen wir alle Vorsicht walten, wissen wir doch zu gut, dass die Mehrzahl aller Bergunfälle beim Abstieg passiert, wenn entweder die Spannung abgefallen ist und der Müdigkeit das Feld überlassen hat oder wenn Zeitdruck zu Fehlern verleitet. Von beidem kann in unserem Fall heute keine Rede sein. Letztlich gestaltet sich der Abstieg nicht schwerer als der Aufstieg und bald trotten wir wieder langsam die Rampe hinunter. Die Sonnenbrille liegt immer noch an der ursprünglichen Stelle. Ich beschließe, sie mitzunehmen und an der Franz Senn-Hütte abzugeben. Als wir später dort auf einen Tee einkehren, habe ich mein nobles Vorhaben schlichtweg vergessen. Sollte also jemand seine Sonnenbrille zu dieser Zeit am Fuße der Rinnenspitze verloren haben, schicke ich sie ihm gerne auf dem Postwege, vorausgesetzt er/sie kann mir Fabrikat und Seriennummer nennen und mir eine Kopie des Kaufbeleges zusenden. Die Gläser sind leider recht verkratzt und ich werde sie wohl bald in den Müll werfen.

9.Tag: Großer Trögler

Gipfel:                        Großer Trögler (2902m)

Ausgangspunkt:         Dresdener Hütte (1308m)

Höhendifferenz:         600m

Gesamtdauer:           5h

Ausrüstung:               Bergwanderung (Rucksack)

Bedingungen:            Nebel, Nieselregen

Da ist er also, unser letzter kompletter Urlaubstag im Stubaital für dieses Jahr. Das ging wieder einmal viel zu schnell. Der Wetterbericht verspricht nicht viel Gutes, viele Wolken und gelegentlichen Niederschlag. Ab morgen – unserem Abreisetag – lacht uns das Sonnensymbol auf sämtlichen Onlineprognosen für Neustift an. Blauer Himmel für die nächsten zwei Wochen. Wir freuen uns sehr für die Gäste, die nach uns kommen…

Wie könnte man diesen tristen Tag besser nutzen als einen weiteren illustren Aussichtsberg zu verschleudern. Der Große Trögler ist ein dem Stubaier Gletscherparadies vorgelagerter Felsberg und mit Hilfe der Gletscherbahn von der Dresdener Hütte aus leicht zu erreichen. Auch wenn wir uns am heutigen Tage nicht viel zu sehen erhoffen, möchten wir dennoch die Gelegenheit nutzen, einen Gipfel zu besteigen. Und ein bisschen Aufklärung für morgen zu betreiben. Die Idee ist, morgen früh vor unserer endgültigen Heimreise noch eine Minitour einzulegen. Im Sonnenschein. Die Schaufelspitze (3332m) böte sich da an, ist ihr Gipfel doch nur ein Katzensprung von der Bergstation der Gletscherbahn entfernt.

Pünktlich am späten Morgen parkt Mika sein Kraftfahrzeug auf dem Parkplatz der Gletscherbahn. Das große Betongebäude wirkt verwaist, wir versuchen uns vorzustellen, wie die breiten Rampen in seinem Innern während der Wintersaison vor wartenden Besuchern aus allen Nähten platzen wie die Gedärme eines Vielfraßes. Jetzt im Sommer wirkt diese zweckorientierte Architektur alles ein wenig fehl am Platze. Zu unserer Enttäuschung stellen wir fest, dass die linke der beiden Bergbahnen, die zum Schaufeljoch hinaufführt, wegen Modernisierungsarbeiten stillgelegt ist. Das ist der Sargnagel für unseren morgigen 3000er-Quickie, wir werden uns etwas anderes einfallen lassen müssen.

Doch auch im Hier und Jetzt ist nicht alles zum Besten bestellt. Durch die Bauarbeiten bedingt suchen wir vergeblich nach dem Pfad zum Großen Trögler. Laut Karte beginnt dieser an der Mittelstation, ein Weg sollte von hier in Richtung Osten zu einem Wegekreuz führen. Davon ist hier oben nichts zu erkennen. Wir beschließen, unser Glück bei der Dresdener Hütte zu versuchen und dort notfalls (ziemlich unmännlich) nach dem Weg zu fragen. Dies erweist sich als unnötig, finden wir doch an der Hütte einen Wegweiser zum Großen Trögler, dem wir über rutschige Felsplatten und eine nagelneue Stahlbrücke nach Osten folgen. Offensichtlich wurde der Weg erst kürzlich verlegt, der neue ist noch nicht sonderlich gut eingetreten. Immerhin sind eine ganze Reihe Mitwanderer unterwegs.

Das Wetter hat sich nicht grundsätzlich gebessert. Hier und da zieht der eine oder andere Gipfel für einen Moment auf, doch insgesamt ist die Luftfeuchtigkeit unangenehm hoch und die Sicht bescheiden. Wir erreichen das angesprochene Wegekreuz und machen den ursprünglichen Pfad aus, der weiter südlich verläuft. Sieht beinahe so aus, als sei er durch einen Bergrutsch teilweise verschüttet worden. Nach rechts geht es weiter zum Peiljoch, wir halten uns links zum Trögler. In Serpentinen erklimmen wir ein steiles Kar, betreten für kurze Zeit einen stumpfen Grat, um in ein weiteres, flacheres Kar zu gelangen.

Vom Gipfel unseres Aussichtsberges ist nichts zu erkennen. Wir durchbrechen die Wolkenuntergrenze, von nun an ist es müßig zu spekulieren, wo der Pfad wohl weiterführen wird – wir folgen blind den rotweißen Farbtupferln auf den Felsen und treffen schließlich auf eine Felsstufe, die mit Drahtseilsicherungen versehen ist. Die kurze Passage kann an Dramatik nicht mit der an der Rinnenspitze oder der an der Serles standhalten. Bald stochern wir wieder auf Blockterrain durch den Nebel, bis wir uns endlich am Gipfelkreuz wiederfinden, das den mehr oder weniger höchsten Punkt auf dem Grat markiert. Leider ist die Sicht auf der Ostseite des Berges genauso bescheiden wie die auf unserer Aufstiegsseite, so halten wir uns nicht lange mit Fotografieren auf sondern machen uns sofort ran an die Gipfelwurst.

Ein einsames Männlein leistet uns bald auf dem Gipfel Gesellschaft, hält jedoch nach kurzer Begrüßung respektvollen Abstand zu uns. Sicherlich hat es nicht erwartet, bei diesem Wetter zwei weitere Trottel auf dem Gipfel anzutreffen. In dem Maße, wie die Minuten vergehen, schwindet unsere letzte Hoffnung auf ein bisschen Ausblick und weicht dem Gefühl von Kellerkälte. Der dritte Mann macht sich auf, den Grat weiter in Richtung Osten zu überschreiten – er will vermutlich zur Sulzenauhütte gelangen. Es ist möglich, den Großen Trögler im Rahmen einer Rundtour zu überschreiten. Dabei hat man allerdings gegen Ende einen knackigen Konteranstieg von mehr als 400Hm hinauf zum Peiljoch hinzulegen. Bei dem heutigen Wetter scheint dies keine verlockende Option zu sein (und sonst eigentlich auch nicht). Wir trotten somit auf unserem Anstiegsweg zurück, enttäuscht von den äußeren Rahmenbedingungen und doch froh, dass wir dem Inneren Schweinehund getrotzt und unseren letzten Tag noch einmal für eine Tour genutzt haben.

 

10.Tag: Übungsklettersteig Kreuzjoch

Gipfel:                       Kreuzjoch (2210m), Wetzsteinschrofen (2235m), Marchleitenfels (2260m)

Ausgangspunkt:         Bergstation der Kreuzjochbahn (2136m)

Höhendifferenz:         150m

Gesamtdauer:           2h

Ausrüstung:               Via Ferrata (Helm, Gurt, Klettersteigset)

Bedingungen:             Perfekt

Unser unwiderruflich letzter Tag in den Alpen – für diesen Sommer. Die Sonne glitzert keck wie prognostiziert von einem makellosen Himmel. Bevor wir uns auf die Rückreise begeben, bemühen wir noch einmal unsere Stubai Super Card und gondeln zum Schlick 2000 hinauf. Eine kürzere Abschlusstour, die noch dazu über drei Berggipfel führt, als den Übungsklettersteig Kreuzjoch wird man im Stubaital vergeblich suchen. So ergibt sich uns noch einmal die Gelegenheit, das fantastische Milieu der Kalkkögel zu genießen und zudem etwas Klettererfahrung zu sammeln. Ein kleiner Übungsklettersteig kommt uns da gerade recht, nachdem wir uns am ersten Tag am Elfer nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben.

Beim Aufstieg zum Kreuzjoch erfüllen wir Mika einen lange gehegten Traum und begehen den Kräuterlehrpfad, der mit zahlreichen Schautafeln auf die von leistungsorientierten Bergsportlern wie uns oft übersehenen Kleinodien der Natur hinweist. Unser Mika liebt seine Alpenkräuter, besonders wenn sie zum Zwecke der Konservierung in Ethylalkohol eingelegt worden sind. Der „Gipfel“ des Kreuzjochs (2210m) ist noch ohne Ferrata-Geraffel begehbar. Dahinter führt ein kurzer Abstieg zu einem Jöchelchen. Wir folgen aber weiter dem Grat zum Fuß der Wetzsteinschrofen (2235m), wo wir unsere Ausrüstung anlegen. Unglücklicherweise treffen einige Teenager zeitgleich mit uns ein und wir werden unfreiwillige Opfer ihrer verbalen Diarrhoe. Einer der Jünglinge lässt uns alle wissen, dass er ein wahrhaftiger Vielflieger sei. Er habe dieses Jahr schon locker 100.000 Kilometer in Flugzeugen zurückgelegt. Eben war er noch in New York und nun versucht er wenige Stunden später, sich sein Klettersteigset am Fuß einer Übungsferrata anzulegen. Leben auf der Überholspur nennt man so etwas wohl.

Wir sputen uns, um Abstand von den Wunderkindern zu gewinnen. Mika geht die erste Kletterstelle an. Ich folge mit wenigen Metern Abstand. Es stellt sich schnell heraus, dass das kleine Türmchen eine Sackgasse darstellt. Folglich klettern wir wieder ab. Um die Ecke herum geht es richtig los. Wir stehen vor einem steilen Aufschwung. Laut der Topo, die ich gestern im Internet fand, hat diese die Schwierigkeit „C“ und ist bereits die kniffligste Stelle des gesamten Klettersteigs, sofern man der Gratlinie religiös folgt. Ich versuche mich und nach anfänglichen Problemen mit einem verhakten Karabiner geht alles glatt. Wir sind uns einig, dass dieser Klettersteig ein guter Auftakt für unseren Urlaub gewesen wäre, um sich ein bisschen Selbstvertrauen zu holen nach mehrjähriger Ferratapause. In Kombination mit den beiden Burgställen wäre dies eine liebliche Einlauftour.

Der Rest des Steiges ist recht einfach, kleine gesicherte Passagen wechseln mit Gehgelände und bald erreichen wir unseren zweiten Gipfel. Beim Abstieg durch eine Rinne bemerken wir die Seilrutsche auf der Westseite – allerdings scheint der Läufer zu fehlen und wir fühlen uns nicht berufen, uns mit unseren Karabinern am Seil einzuhaken und Gefahr zu laufen, auf halbem Wege auf die andere Seite am Drahtseil hängend zu „verhungern“. Nach einer letzten kleinen Kletterstelle endet die Ferrata und ein kurzer Spaziergang durch Latschen bringt uns auf den Marchleitenfels, mit 2260m die höchste Erhebung des kleinen Grates am Kreuzjoch. Von hier nutzen wir die Gelegenheit, die atemberaubende Kulisse der Dolomitfelsen ein letztes Mal in Ruhe zu genießen. Wir bemerken, dass der große rote Fleck in der Südwand der Malgrubenspitze, der vor wenigen Tagen noch das begehrte Ziel eines Hubschraubers war, nicht mehr vorhanden ist. Offenbar war er wirklich menschengemachten Ursprungs.

Eine fantastische Gegend. Wir beschließen, in Zukunft wiederzukommen um entweder die Schlicker Seespitze oder die Ochsenwand zu besteigen. Oder den Lustigen Berglersteig, der vom Axamer Lizum von Norden über den Ampferstein und die Marchreisenspitze führt. Futter für die Imagination, während wir dem Panorama-Highway zurück zur Liftstation folgen und während der langen Wintermonate zurück im Flachland. Stubai, wir kommen wieder!

 

© Stefan Maday 2016