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Dolomiten Report 2001

02.07.2001 Über den Paternkofel zur Dreizinnenhütte (2438m)

 

Gipfel: Oberbachernspitze (2675m), Paternkofel (2746m)

Ausgangspunkt: Zsigmondyhütte

Höhendifferenz:

Gesamtdauer:

Ausrüstung:

Bedingungen: Altschnee, Wetter heiter bis sonnig

Route: Zsigmondyhütte – Büllele Joch Hütte – Oberbachernspitze – Invalidensteig – Paternkofel – Innerkofler-de-Luca-Steig – Dreizinnenhütte

(i) Frühsport

Um sieben Uhr werden wir durch nachbarliches Getöse unsanft geweckt. Die obligatorische morgendliche Denksportaufgabe fördert ein erstaunliches Ergebnis zu Tage: das war ein satter mehr als achtstündiger Säuglingsschlaf! Der Abstieg zur Morgenzigarette vor der Hütte verläuft nicht minder überraschend: wir beide verspüren keinerlei Anzeichen eines Muskelkaters! Auch das Wetter verspricht anscheinend nur Gutes. Ich glaube, heute steht uns ein magischer Tag bevor. Meine Latschen haben sich auch wieder eingefunden, doch werden sie trotz chemischer Reinigung nie wieder dieselben sein.

Beim Frühstück schmieden wir unseren heutigen Tagesplan. Angesichts des vielen Schnees verzichten wir auf die angedachte Zwölfer-Umrundung, der Anblick der armen Wanderer gestern sprach mehr als tausend Worte. Stattdessen wollen wir schnurstracks weiter nach Westen in Richtung der Drei Zinnen, wo so vielversprechende Gipfel wie der Paternkofel und die Schusterplatte unseres Besuches harren. Kurz vorm Oberbachernjoch. Torpedoberg voraus. Der Aufstieg zum Oberbachernjoch (Passo Fiscalino, 2528m) erscheint uns zu dieser frühen Stunde ziemlich brutal und atemraubend. Hier oben entdecken wir neben einer schönen Aussicht auch die ersten Spuren militärischen Treibens aus dem ersten Weltkrieg in Form von alten Steinmauern. Dergleichen werden wir von nun an des öfteren zu sehen bekommen, war doch die Gegend um den Paternkofel damals hart umkämpftes Frontgebiet. Wir folgen einem ebenen und relativ breiten in den Fels gehauenen Weg in Richtung Norden und gelangen wenig später zur Büllele Joch Hütte (2522), ordern koffeinhaltige Limonade und fragen den Gastronomen bei der Gelegenheit nach den Wegverhältnissen am Paternkofel. Nichts genaues weiß man nicht, aber es wird schon passen. Ein großer Schäferhund liegt faul vor der Hütte herum. Ab und an beäugt er uns um sicherzustellen, dass wir die Zeche nicht prellen.

 (ii) Die Besteigung der Oberbachernspitze (2675m)

Wir zahlen und deponieren unsere Rucksäcke an der Hütte. Es ist noch früher Mittag und wir wollen uns auf der Ebene nördlich der Hütte ein wenig umschauen. Hier finden wir zahllose Relikte aus wenig zivilisierten Tagen in Form von gemauerten Schützengräben und wahllos herumliegenden vergammelten Holzplanken. Gleich vier interessante Gipfel räkeln sich vor uns in der Sonne: der Il Panettone samt aufsitzendem Schrein, ein torpedoförmiger Fels mit einer merkwürdig überhängenden Nase, die Oberbachernspitze und der Einserkofel. Der vorletzte hat es uns angetan, nach leichtem Aufstieg an einigen lustigen Abgründen vorbei stehen wir schon bald auf dem Gipfel der Oberbachernspitze (2675m). Ein Foto von Herrn Braun So human der Anstieg von Süden ist, so schroff fällt die nördliche Wand hinter dem Gipfel ab. Nur ein Schritt trennt uns von einem erneuten Besuch der Talschlusshütte. Am Horizont machen wir zwei kapitale, im Schnee ertrinkende Berge aus: das sollten die beiden Tauern-Flagschiffe Großglockner und Großvenediger sein, die in diesem Schneejahr staffagenmäßig besonders viel hergeben.

Wir unterhalten uns mit Herrn Braun aus Bad Hersfeld oder Umgebung, der fast zeitgleich mit uns auf der Spitze eingetrudelt ist. Er mag Schweinebraten. Ferner glaubt er zu wissen, dass hier seit 50 Jahren nicht mehr so viel Schnee wie heuer gelegen habe. Wir klopfen ein paar Sprüche in das Gipfelbuch, das noch fast jungfräulich ist. Nur das sogenannte Büllele No-Limits Team war nach eigenem Bekunden früher hier als wir. Grrr! Muss heute morgen gewesen sein. In freudiger Erwartung steigen wir endlich zurück zur Hütte und bergen unser Gepäck. Denn jetzt ist es an der Zeit für ein Abenteuer.

 (iii) Über den Invalidensteig

Bald haben wir das Büllele Joch (2522m) erreicht. Salami und Kekse essend beobachten wir die Scharen von Wanderern, die aus dem Cengiatal heraufsteigen, um anschließend über den verschneiten Nordhang des Paternkofel zur Dreizinnenhütte zu marschieren.
Wir dagegen wandern in südlicher Richtung um einen Sporn des Paterno herum und später über einen Schotterhang hinauf zur Forcella di Laghi. Nun liegt das Ziel endlich vor uns. Der Paternkofel von Osten Der Paternkofel präsentiert sich uns von Osten als ein System von sanften schneebedeckten Hängen. Vom Einstieg in die sogenannte Ferrata Verterno (Invalidensteig) ist nichts zu sehen, doch kommen uns einige Wanderer mit angelegten Klettergurten entgegen. Ein Engländer warnt uns vor einer unbehaglichen Stelle in Form einer „unexpected gap with snow and no ropes“. Wir legen unsererseits Geschirr an und machen uns auf den Weg. Was von weitem wie ein durchgehender Hang aussah, erweist sich aus der Nähe als optische Täuschung. Wir müssen eine tiefe Spalte durchklettern. Der Abstieg ist gut gesichert, doch bald finden wir uns an der besagten Stelle „with snow and no ropes“ wieder. Ein schmales, etwa fünf Meter langes Schneebrett führt über den gähnenden Abgrund. Wenn dort jemals Stahlseile gespannt waren, sind sie heute unter dem Schnee verschwunden. Das sieht nach einer haarigen Sache aus. Ausgerechnet snow… In Deutschland wäre eine solche Streckenführung indiskutabel, da hätte der TÜV Rheinland niemals sein Prüfsiegel draufgepappt.

Auf der gegenüberliegenden Seite warten zwei Männer, ebenfalls ein wenig unschlüssig, wie denn nun zu verfahren sei. Höflich und selbstlos winke ich sie herüber und lasse ihnen den Vortritt. Wenn die das schaffen… Gibt es hier oben Holzwürmer? (c) by MB Tun sie. Und wir schließlich auch. Ein schönes Gefühl im Nachhinein, wenn einem trotz einiger Bergerfahrung noch hin und wieder das Adrenalin durch den Körper schießt. Nun folgt wieder solider Klettersteigspaß, aufwärts und größtenteils gesichert. Wir haben einigen Gegenverkehr durch Absteiger, das berechtigt uns zu der Hoffnung, dass der Gipfel bei unserer Ankunft menschenleer sein könnte. Die Kletterei in der prallen Nachmittagssonne beginnt, anstrengend zu werden. Am liebsten möchte ich nach jedem Meter eine Pause zum Japsen und Trinken einlegen. Endlich erreichen wir den oberen Berghang, tunneln eine Felsnadel und landen auf dem nächsten Klettersteig. Der windet sich relativ äquipotent auf schmalen Terrassenstufen um viele kleine Nebengipfel herum. Als Highlights seien die beiden kleinen Brücken aus Holzplanken erwähnt, die zwei schwindelerregende Klüfte überspannen.

 (iv) Der Gipfel des Paternkofel (2746m)

Insgesamt drei Wege führen von unten auf den Paterno hinauf. Sie alle treffen sich an der sogenannten Gamsscharte knapp unterhalb des Gipfels. Hier war Michael schon einmal und zeigt mir zur Motivation unsere spätere Abstiegsroute: durch das schneebedeckte nördliche Kar auf die Dreizinnenhütte zu. Eine Gruppe von Engländern kommt gerade diesen Weg hinauf. Sie meinen, dank der gespannten Seile hätte zumindest der Aufstieg auch ohne „crampons“ kein Problem dargestellt. Doch zunächst einmal wollen wir auf dem Gipfel unser Glück suchen. Die senkrechte Wand vor uns ist dank Drahtseilsicherung schnell überwunden, es folgt ein wüstes Gestolpere und Geklettere über Felsterrassen. Der optimale Weg existiert entweder nicht oder wir haben ihn schlichtweg übersehen. Ganz oben Eigentlich war Michael schon einmal hier… Nach der Devise „der einzige Weg ist rauf, Baby“ finden wir dennoch den Gipfel und sind tatsächlich die einzigen Menschen hier oben. Alleine mit dem Gipfelkreuz und der Gedenktafel für Sepp Innerkofler, der für drei einsame Jahre hier begraben lag.

Neu für mich (Michael war schon einmal hier) ist der Ausblick auf die Drei Zinnen, das zweifellos mit Abstand meistfotografierte Motiv in Südtirol. Wie die abgekauten Zahnstümpfe einer titanenhaften Großmutter schauen sie aus. So unalpin, dass sie selbst in den an bizarren Formationen so reichen Dolomiten hervorstechen. Ihr Anblick wird uns noch einige Tage (und einige Filme) hindurch begleiten. So sehr ich mich auf meine mitgebrachte Zigarre auch gefreut habe, so recht schmecken will sie mir nicht, denn mir dröhnt mächtig der Schädel. Ob von Höhenkrankheit oder vom gestrigen Methanolwein, vermag ich nicht zu beurteilen. Die Engländer haben uns endlich eingeholt, verteilen großzügig Bonbons und machen ein Gipfelfoto von uns.

 (v) Der Innerkofler-de-Luca-Steig

Der Abstieg verläuft ebenso chaotisch wie der Aufstieg. Der Einstieg in die Kletterwand will erst einmal gefunden sein. Von der Gamsscharte aus hangeln wir uns an dem langen Drahtseil über die Schneepiste talwärts. Hier erweisen sich Fahrradhandschuhe als besonders nützlich, denn das Seil ist rostig, nass und rutschig. Schließlich verlassen wir den Schnee und halten uns an den Pfad, der links unterhalb der Felswand verläuft. Nach einigen kurzen Kletterstücken erreichen wir den Eingang eines Stollensystems.
Ein italienisches Pärchen scheint dort nur auf uns gewartet zu haben. Zu unserem Glück, denn die beiden kennen sich hier aus und haben eine anständige Taschenlampe dabei. Mit unseren Minifunzeln und unseren bescheidenen Ortskenntnissen – nur Michael war schon einmal hier – wären wir vielleicht auf einen der vielen Nebenstollen hereingefallen, die alle eines gemeinsam haben: sie versprechen einen lichten Ausgang, enden aber jäh oberhalb einer senkrechten Felswand. So jedoch meistern wir die ungezählten Treppenstufen, die – für menschliche Beine überdimensioniert – in die dunkle, feuchte Tiefe führen. Die Soldaten, denen diese Stollen damals zu welchen Zwecken auch immer gedient haben, müssen sehr eigenartige Körperproportionen besessen haben: meterlange Beine und einen zwergenhaften Oberkörper. Dazu möglichst gar keinen Kopf, denn den kann man sich hier nur allzu leicht einrammen. Endlich ein Licht, diesmal das rechte. Wir finden uns auf einem Kamm wieder, die Dreizinnenhütte nur noch einen Steinwurf voraus. Bald sind wir unten. Das war tatsächlich ein phänomenales Abenteuer, auch wenn ich das in diesem Augenblick noch nicht zu würdigen weiß. Ich bin vollkommen erledigt.

 (vi) Alpenglühen auf der Dreizinnenhütte

Die Dreizinnenhütte ist der wohl bekannteste Außenposten menschlicher Zivilisation in den Dolomiten. Die einmalige Lage am Fuße des Paternkofel mit Blick auf die Drei Zinnen und die Nähe zur Fahrstraße – von der Auronzo Hütte ausgehend kann man in einer Stunde hier sein – locken tagsüber Scharen von Touristen aus Misurina an. Diese Tatsache lassen sich die beiden Hüttenchefs Milka und Hugo Reider reichlich vergolden, denn nirgendwo sonst findet der müde, durstige und hungrige solch gepfefferte Preise wie auf der Dreizinnenhütte. Für unser kapriziöses Doppelzimmer berappen wir den bisherigen Rekordpreis von je 53000 Lire. Obwohl die Hütte von außen den Eindruck eines luxuriösen Grandhotels macht, fehlt eine warme Dusche. Irgendjemand will von irgendjemand anderem gehört haben, dass es irgendwo eine verborgene Dusche gebe, versteckt hinter irgendeiner geheimen Wand, die sich bei Zahlung von 10000 Liren auf magische Weise öffnen solle. Geht zu Unrecht neben den Drei Zinnen unter: der Paterno Gewiss nur ein Gerücht. Für das Geld besorge ich mir lieber einen Teller Spaghetti. Später am Abend werden wir Zeugen eines immer wieder überwältigenden Naturschauspiels. Durch einen aberwitzigen Zufall finden die Strahlen der tiefstehenden Sonne noch für einen Augenblick ihren Weg an all den Bergen im Nordwesten vorbei und tauchen den Paternkofel und die Drei Zinnen in ein sattes Orangerot. Alle Hüttengäste stehen staunend draußen, Kamera bei Fuß, bereit, die letzte Millisekunde vor Sonnenuntergang abzuwarten und das perfekte Postkartenmotiv einzufangen.
Auch Herr Braun aus Bad Hersfeld oder Umgebung ist darunter und er erzählt uns noch eine Gutenacht-Anekdote: von der Großen Zinne, wie sie vor Jahren durch einen Blitzschlag einen Kopf kürzer gemacht wurde und seitdem streng genommen kein Dreitausender mehr sei. Prost und Gute Nacht.

Siehe auch: Paternkofel Fotospecial