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Stubai Report 2016

4.Tag: Wilder Freiger und Abstieg zur Nürnberger Hütte

Gipfel:                        Wilder Freiger (3418m)

Ausgangspunkt:         Nürnberger Hütte (2278m)

Höhendifferenz:         1200m

Gesamtdauer:           10h

Ausrüstung:               Hochtour (Pickel, Steigeisen, Seil)

Bedingungen:             Frühnebel, Neuschnee ab 2800m

Irgendwie schaffen wir es wieder einmal, als letzte Gruppe aufzubrechen. Dabei habe ich nachts im Lager 21 unverhofft gut geschlafen. Mika nach eigenem Bekunden weniger, er lag frierend unter dem offenen Fenster und hatten zudem Angst, er könne einem von mir angeführten Lynchmob zum Opfer fallen, sollte er im Schlaf sein berüchtigtes Gesäge absondern. Geschieht ihm Recht, schließlich ist das Schnarchen kein gottgegebenes Leiden, sondern eine vermeidbare schlechte Angewohnheit wie das Rauchen oder das Kaugummis-unter-den-Tisch-kleben. Ich wünschte, er würde im Zweierzimmer einmal ebenso rücksichtsvoll sein wie im Beisein anderer.

Zum alles entscheidenden Wetter: noch immer hängen viele Wolken um uns herum. Wir können nur hoffen, dass es im Laufe des Tages aufzieht. Schlimmstenfalls müssten wir hoch oben den Spuren im Schnee folgen, welche die anderen Gruppen vor uns bis dahin getreten haben werden. Auf unserem Weg über die abgeschmirgelten Platten des Hängetals scheinen ab und an schon einmal die schnee- und eisbedeckten Gipfel der Feuersteine durch den Dunst. Der Wilde Freiger entzieht sich noch unseren Blicken, was möglicherweise daran liegt, dass er weiter im Westen liegt. In teils steilen Kehren folgen wir dem Pfad unterhalb der Felswand der Urfallspitze (2805m). Deren Gipfel erweist sich von der Seescharte aus als ein rostiger, grünspaniger Zinken, den man ohne Kletterei leider nicht so einfach ‚mitnehmen‘ kann. Dafür haben wir noch ein anderes Ass im Ärmel, nämlich das Gamsspitzl (3050m), laut Karte nur einen Steinwurf vom Aufstiegsweg zum Freiger entfernt.

Leider hat sich neben einer Schneedecke in dieser Höhe auch der Nebel hartnäckig gehalten. Wir können froh sein, wenn wir in dem weißgetünchten Blockgelände die nächste rot-weiße Wegmarkierung ausmachen können. Unsere Stimmung ist gedrückt. Sollte sich der wilde Freiger am Ende als gemeines Nebelloch herausstellen? 2100m Aufstieg und zwei Hüttenübernachtungen für ein Gestolpere im Dunst? Wir gehen wacker weiter, halten aber nebenbei Ausschau nach der Abzweigung zum Gamsspitzl, das in unseren konsternierten Seelen allmählich zum Plan B avanciert. Plötzlich reißt um uns der Nebel wie von Geisterhand auf und vor uns manifestiert sich das Gemälde einer weißen Schneekuppe, die in der Sonne glänzt. Wir sind ein wenig perplex und wissen diesen Anblick erst nicht so recht zu deuten. Wir befinden uns etwa 2900m ü.NN. Glauben wir zunächst, dies könne der nahegelegene Gipfel des Gamsspitzls sein, wird uns schließlich bewusst, dass es sich um den noch recht weit entfernten Freiger handeln muss. Eine weiße Rampe, ein typischer Gletscherhang eben. Rechts oben glauben wir einige Personen auf dem vermeintlichen Gipfel erkennen zu können. Endlich werden wir auch des Gamsspitzls gewahr, eines glanzlosen Trümmergrates zu unserer Rechten, auf dem sich ebenfalls Menschen tummeln. Wir finden gar die markierte Abzweigung, entscheiden uns aber angesichts der Situation, gleich zum Wilden Freiger durchzustarten, um die Initiative und das Wetterfenster nicht zu verlieren.

Der Weg ist nun klar vorgezeichnet – über einige Firnfelder auf einen Felsengrat, schließlich auf den Gletscher und am Ende über den Gipfelkamm zum Kreuz. Da ist für jeden Gusto das passende Gelände dabei. Für die Schneefelder machen wir schon einmal die Eispickel klar. Erstere erweisen sich als nicht besonders steil und eine deutliche Spur ist auch bereits getreten. Der anschließende Grat fängt harmlos an, seine Besteigung verwandelt sich jedoch bald in ein seriöses alpines Unterfangen. Die wenigen cm Neuschnee auf dem gerölligen Boden verwandeln sich im prallen Sonnenschein in eine schwer zu berechnende Variable. An einigen Stellen verjüngt sich der Grat zu allem Überfluss zu einer schmalen Schneide. Da heißt es einen Fuß langsam vor den anderen setzen und nicht an die möglicherweise verheerenden Folgen eines Ausrutschers denken. Eine im Schatten liegende, gefrorene Rinne schreit eigentlich schon nach Steigeisen, doch wir bezwingen sie noch ohne. Am Ende erreichen wir erleichtert den Rand des Gletschers. Das hat Zeit, Energie und Nerven gekostet.

Wir erlauben uns eine längere Pause, in der wir Steigeisen anlegen und uns anseilen. Mika, der Seilbeauftragte, beschwert sich, das Seil sei zwischendrin verknotet. Dann entsinnen wir uns der Tatsache, dass wir vor unserer letzten Gletschertour Bremsknoten in das Seil eingearbeitet hatten. Das muss vor vier Jahren auf der Marmolada gewesen sein. So gewissenhaft pflegt und prüft Mika also sein potentiell lebensrettendes Seil… Ich bekomme mit Mühe und Not noch einen Achterknoten hin und so hängt die Strippe bald an meinem Sitzgurt (hatte ich erwähnt, dass wir neue Gurte haben, die untenrum nicht mehr kneifen?).

Die lange Pause hat mir gut getan, ich fühlte mich während des Aufstieges irgendwie unwohl heute morgen, nun komme ich mir wie befreit vor und bin happy, unsere kleine Seilschaft die letzten 200 oder so Meter nach oben zu führen. Im Wesentlichen bedeutet dies, der gestampften Spur über den etwa 30 Grad steilen Gletscherhang zu folgen. Von Spalten ist nichts zu sehen. Uns kommen einige im Abstieg befindliche Gruppen entgegen, niemand ist angeseilt. Zu unserer Überraschung reicht der Gletscher nicht bis hinauf zum Gipfelgrat, vielmehr betreten wir zunächst einen flachen Firnhang. Wir entseilen uns und folgen den Trittspuren an einer groben Baracke vorbei nach Südwesten auf den Grat zu (was wir zu diesem Zeitpunkt nicht realisieren – ein Stück weiter östlich hätten wir noch den Signalgipfel – 3393m – ohne großen Umweg mitnehmen können). So langsam macht sich bei mir die ungewohnte Höhe bemerkbar mit dem handelsüblichen Brummschädel. Doch nun ist es nicht mehr weit, einige Meter über den schmalen Grat. Hier ist nochmals Vorsicht geboten dank des Schnees, der auf dieser Höhe fest gefroren ist. Die buchstäblich letzten Meterchen zum Gipfelkreuz sind äußerst exponiert und erfordern einige Kletterei in „kombiniertem Gelände“, wie es so schön heißt. Wir entscheiden uns dafür, die Steigeisen abzulegen, nehmen das Herz in die Hand und finden uns schließlich auf dem luftigen Gipfel wieder. Richard Gödeke gibt der Tour auf den Wilden Freiger von der Nürnberger Hütte in seinem Werk „3000er in den Nordalpen“ ein „F“ – ich denke mal, unter den heutigen Bedingungen hat sie sich ein „+“ dahinter verdient.

Die Sicht auf die umliegenden Berge ist fantastisch. Im Westen der Ötztaler Grenzkamm, im Osten die Zillertaler. Weiß ist überall die dominante Farbe. Doch die ganz große Gemütlichkeit mag aus zwei Gründen nicht aufkommen: trotz Sonnenschein ist es lausig kalt, die Temperatur liegt unter dem Gefrierpunkt und der arktische Wind lässt die Tatsache vergessen, dass wir Hochsommer schreiben. Zudem haben wir noch einen anstrengenden Job zu erledigen – heil wieder abzusteigen. So beschließen wir, nach wenigen Minuten den Rückweg anzutreten und lieber irgendwo weiter unten im Windschatten unseren Knochen eine verdiente Pause zu gönnen. Wie so oft war wieder einmal der Weg das Ziel und die Freude über das Erreichen des vermeintlichen Höhepunktes wird sich erst beim abendlichen Bierlein so recht einstellen, wenn die letzte Anspannung von uns abgefallen sein wird.

Die Kletterpartie am Gipfelgrat und der spätere Abstieg über den Nordostkamm erfordern eine Menge an Konzentration. An eine Mitnahme des Gamsspitzls denken wir nicht einmal mehr im Traum, zu müde sind wir und zu insignifikant erschien es uns von den oberen Rängen des Freiger aus betrachtet. Als wir nach etwa 8 Stunden die mittlerweile apere Seescharte erreicht haben, wagen wir eine ausgiebige Pause in der Nachmittagssonne – wohl wissend, dass wir aus dem Gröbsten heraus sind. Allmählich wird uns bewusst, dass wir mit dem Wilden Freiger heute nicht nur den 367. Gipfel meiner Laufbahn oder unseren 2. der Stubai Seven Summits bestiegen haben, sondern einen wirklich „großen Dreitausender“, der sich in eine Reihe mit dem Similaun oder der Civetta einfügt.