Dolomiten Report 2004

Pala – Puez – Peitler

von Stefan Maday

0.Tag: Ankunft in San Martino di Castrozzo – Aufstieg zur Rosetta-Hütte

 

Gipfel:

Ausgangspunkt:

Höhendifferenz:

Gesamtdauer:

Ausrüstung:

Bedingungen: heiter bis sonnig, heiß

Route:

0.Tag: Ankunft in San Martino di Castrozzo – Aufstieg zur Rosetta-Hütte

Wir schreiben den vierten gemeinsamen Dolomitenurlaub. Bei unserer Planung irgendwann im Frühling wurde uns bewusst, dass es gar nicht mehr so viele große weiße Flecken auf der Landkarte gibt, die für eine einwöchige Hüttentour geeignet wären. Außerdem haben die Erfahrungen der letzten Jahre gezeigt, dass die mühsam elaborierten Agenden stets nur akademischen Charakter hatten – vor Ort sah immer alles ganz anders aus und manchmal mussten wir schon vom ersten Tag an alles anders machen als angedacht.

Dennoch braucht der Mensch ein gewisses Ziel vor Augen, um zukünfigen Großtaten zuversichtlich Lago di Paneveggioentgegentreten zu können, und so war ich erleichtert, als Michael den Namen Pala aus dem Ärmel schüttelte – ein Arbeitskollege sei schon einmal dort gewesen. Dieser Name sollte uns fortan als eine Art Kondensationskeim dienen, an den wir unseren Urlaub dranklatschen würden. Pala Nodseite v.l.n.r: Bureloni, Vezzana, Cimon della PalaUnd so sausen wir eines schönen Julitages nach mehr oder weniger schlafloser Nacht voller freudiger Erwartung am malerischen Lago di Paneveggio vorbei auf den Rollepass zu. Alle Probleme scheinen sich in Luft aufgelöst zu haben: die Pradidali-Hütte bleibt entgegen hartnäckiger Gerüchte doch nicht wegen Renovierungsarbeiten geschlossen und auch die Schneelage in der Pala sei nicht mehr bedenklich. Es liege zwar noch ein wenig umeinand, doch alle Wege seien begehbar – laut Hüttenwirtin der Rosetta-Hütte.

Der Rollepass lädt zum Fotoshooting ein. Majestätisch sprießen die drei Spitzen Cima dei Bureloni, Cima della Vezzana und Cimon della Pala aus der Wiese. Sie bilden gleichsam den Bug dieses gigantischen Kreuzers Pala, dessen schroffe Bordwände leicht Culo de la Vaca darüber hinwegtäuschen, dass das eigentliche Schiffsdeck eben ist und Altopiano delle Pale heißt. Eingerahmt wird das pittoreske Szenarium von Nutzvieh und Motorradrockern – dolomitöse Nostalgie.
Einige „Tornanti“ talwärts erreichen wir San Martino di Castrozza. Wir halten uns nicht mit einer Ortsbesichtigung auf, sondern steuern sogleich zielbewusst die Talstation der Colverde Seilbahn an. Hier erhält unsere Pala-Begeisterung ihren ersten Dämpfer: ein Schild weist uns auf den Umstand hin, dass die Bahn wegen Bauarbeiten an der Bergstation nur bis zur Mittelstation hinaufführt. Das bedeutet für uns etwa sechshundert nicht eingeplante Höhenmeter per pedes. Glücklicherweise ist es erst früher Nachmittag, so dass uns ausreichend Zeit für den Aufstieg bleibt. Eine Wahl haben wir im übrigen auch nicht.

Der Anstieg erweist sich als dankbar und harmlos, der Weg windet sich über das Schuttfeld Aufsteig zur Rosetthütte. Ein kurzer KS ist auch dabei zwischen den westlichen Steilwänden des Cimon della Pala und der Cima Rosetta (2746m) hinauf – stets in Tuchfühlung mit dem geheimnisvollen Schlauch, der von der Bergstation herunterführt. Nach zwei Altopiano oder die weiße Hölle Stunden haben wir den Pass erreicht und spähen ungläubig über das berüchtigte Altopiano hinweg. Was wir erblicken, ist eine geschlossene Schneedecke, die sich über weite, eingedellte Ebene ergießt. Der Himmel ist grau und düster, ein eisiger Wind lässt unseren Aufstiegsschweiß gefrieren. Zu allem Überfluss dröhnt meine Runkel von den Strapazen der durchwachten Nacht. Ich lasse alle Hoffnung fahren und beschließe, hier oben nicht glücklich zu werden.

Die Rosetta-Hütte (Rifugio Pedrotti, 2581m) ist nur einen Steinwurf vom Pass entfernt. Michael organisiert uns ein Doppelzimmer. Zum Abendessen lasse ich mir Würstchen mit Hütten-Polenta kredenzen (für Nicht-Gourmets: Hütten-Polenta ist ein hochviskoser Superkleber aus Gries). Wir Rifugio Rosetta Pedrottidiskutieren mit unseren Tischnachbarn, zwei Jungs aus Schwaben, die Tagespläne für morgen. Die beiden wollen auf die Cima della Vezzana (3192m), den höchsten Gipfel der Pala. Der erscheint uns zu anstrengend für eine Tagestour und auf eine Übernachtung im Biwak haben wir keine Lust, da dort weder warmes Essen noch geistige Getränke serviert werden. Wir saugen noch ein wenig Hüttenklatsch in uns auf – das ist nicht unbedingt überlebenswichtig, aber man erfährt doch immer wieder faszinierende Details. So soll beispielsweise das Essen auf der Mulaz-Hütte grottenschlecht und die Bedienung auf der Velo della Madonna-Hütte ein ordentlich apartes Ding sein. Schließlich einigen wir uns auf eine Besteigung der gletscherträchtigen Cima della Fradusta mit anschließender Nächtigung auf der Pradidali-Hütte. Basta.

1.Tag: Cima della Fradusta (2939m) – Pradidali-Hütte

 

Gipfel:

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1.Tag: Cima della Fradusta (2939m) – Pradidali-Hütte

Nach einer erholsamen Nacht blinzelt die noch kalte Sonne vom Himmel und lässt die Pala in einem Cima Rosetta im Morgenlichtganz anderen Licht erstrahlen als noch am gestrigen Abend. Wir schöpfen sogleich neue Hoffnung für den Tag und lassen uns diese auch durch das Frühstück nicht nehmen. Gegen acht Uhr stehen wir abmarschbereit an der Rosetta-Hütte – die Uhrzeit ist rekordverdächtig.Gipfelspaß auf der Cima Rosetta Wir lassen unsere Rucksäcke zunächst an der Hütte zurück, da wir als erstes die nahegelegene Cima Rosetta erobern wollen. Ein leichtes Unterfangen. Der Schnee ist zu dieser Stunde noch hartgefroren und mit zunehmender Höhe entblößt die mäßig ansteigende Rampe immer häufiger ihren schotterbedeckten Felskern. Blick auf Colverdehütte und VezzanaLeider beginnen bereits die ersten Wolkenschwaden aufzuziehen. Nach einer halben Stunde Aufstieg dürfen wir uns für das obligatorische Foto mit Gipfelkreuz aufreihen. Nachdem wir uns von der Tatsache überzeugt haben, dass die Westflanke des Berges nicht annähernd so einladend aussieht wie der Osthang, den wir gerade heraufgestiefelt sind, genießen wir die immer trüber werdende Aussicht auf das Altopiano, die Colverde-Bergstation nebst Baukran und nicht zuletzt das bombastische Vezzana-Massiv inklusive der winzigen, rotgetünchten Biwakschachtel.

Zurück an der Rosetta-Hütte nehmen wir unser Gepäck auf und kaufen Mineralwasser für die – wie wir glauben – schweißtreibende Tour, die uns bevorsteht. Wir folgen dem Weg mit der Nummer 709 nach Südosten. Das Altopiano erweist sich recht bald als nicht halb so piano, wie sein Name unsBlick auf La Fradusta glauben machen will: schneebedeckte Hügel wechseln mit tiefen, verschneiten Trögen. Unser Ziel, die muschelförmige Cima della Fradusta, blinzelt immer mal wieder weit vor uns durch den Dunst, bevor wir in die nächste dieser Mulden herabsteigen müssen, an deren Firnwänden das Tauwasser unheimliche Schleifspuren hinterlassen hat.
Nachdem wir die Abzweigung zur Pradidali-Hütte passiert haben, werden die Fußspuren immer spärlicher und damit das Stapfen durch den Schnee immer beschwerlicher.Schneewüste Besonders der ein oder mehr Kilo (ähem) schwerere Michael bricht des öfteren bis über die Knie in der weißen Herrlichkeit ein. Schließlich demoliert er gar einen seiner beiden Teleskopstöcke. Als der dessen Spitze aus dem Tiefschnee ziehen will, löst sich die besagte Spitze vom Stock. Dabei geht das Gelenk verloren, das den unteren Teil mit dem oberen Teil des Stockes verbindet. Da es von weißer Farbe ist, suchen wir es in dieser Schneewüste vergebens und Michael muss den Weg mit anderthalb Stöcken fortsetzen.

Schließlich nehmen wir noch einen besonders hohen Hügel, bevor sich die Nordflanke der Fradusta endlich eindrucksvoll vor uns ausbreitet: ein Gletscher, der nicht annähernd so flach verläuft, wie ich mir das vorgestellt hatte, gekrönt von einem langen Felsengrat. Es ist nun an der Zeit für uns, eine Strategie für den Aufstieg zu entwickeln, d.h. zu gucken, was die anderen Leute machen. Normalerweise (also im Sommer) existieren zwei Aufstiegsrouten: die eine führt relativ umständlich über den Kamm von Osten, die andere (kürzere) traversiert zunächst den Gletscher in West-Ost-Richtung, bevor sie sich mit der ersten auf dem Kamm wieder vereint.

Drei junge ItalienerInnen überholen uns und gehen den Aufstieg über den Gletscher an. Wir folgen Gletscheranstieg zur Fradustaihnen mit respektvollem Abstand. Der Anstieg, den sie treten, ist äußerst steil. Der Gletscherfirn ist lange nicht so tief wie das Zeug auf dem Altopiano und viel rutschiger. Zudem lauert unterhalb der Gletscherwand ein scheußliches schwarzblaues Loch, aus dem Tauwasser hervorquellt. Wer dort hineinrutscht, hat wahrscheinlich für die nachsten 200 Jahre seine Ruhe. Wir fragen uns zwischendurch, ob wir für eine solche Show wohl proper ausgerüstet sind, steigen dann aber tapfer weiter – schon weil wir auf diesem grässlichen Pfad nicht umkehren wollen.
Nach einer kleinen Ewigkeit höchster Konzentration und Selbstdisziplin haben wir die Felsenkrone über dem Gletscher erreicht. Es folgt ein kurzer, aber heikler Anstieg durch Tiefschnee, der mich böse an die Schneerinne bei unserer Besteigung der Schusterplatte erinnert. Danach betreten wir den Gipfelgrat und haben endlich wieder festen Fels unter den Füßen. Ohne Worte zu verlieren steht zwischen uns schon fest: diesen Weg werden wir um nichts in der Welt wieder hinuntersteigen!

Die Sicht ist gar nicht mal so gut hier oben. Brannte auf dem Gletscher immerhin noch eine Altostratus-gebremste Sonne auf uns hernieder, stehen wir nun in der dicksten Nebelbrühe. Wir fragen unsere drei mutigen Vorsteiger, wo denn wohl der Gipfel sei. Sie wissen es nicht, Irgendwo muss der Gipfel sein... er müsse hier irgendwo sein. Schon beginnen sie damit, sich Steigeisen für den Abstieg unter die Füße zu schnallen.
Ich gehe ein Stückchen den Grat weiter, in der Hoffnung, auf irgendeine Gipfelmarkierung zu treffen. Einmal meine ich, voraus eine schemenhafte Form im Nebel ausmachen zu können, möglicherweise andere Bergsteiger? Ich kehre dann aber doch um und wir beschließen, den Gipfel als bestiegen anzusehen. Da wir sehr viel steiler über den Gletscher gestiegen sind als über den verschütteten „Normalweg“, ist diese Annahme nicht so unrealistisch.

Es vergehen keine zehn Minuten und wir schicken uns an, diesen trostlosen Ort wieder zu verlassen, jenen Ort, der es mir heute morgen noch wert schien, dass ich alle erdenklichen Mühen und sogar Gefahren auf mich nehme, um ihn zu erreichen. Mit Überschreitung des Höhepunktes wird mir die Sinnlosigkeit meines Strebens bewusst und meine Motivation beginnt schlagartig in die Füße zu sickern. Nun heißt es nur noch einen sicheren Weg zurück in die Zivilisation zu finden, Blick zurückbevor uns Nebel und Dunkelheit völlig eingeholt haben. Wir irren über den Kamm hinab auf eine wie es mir vorkommt Rundreise über das gesamte Altopiano, treffen ab und an auf Fußspuren im Schnee oder Steinmännchen, die Muskeln immer müder werdend, die Schuhe längst durchnässt. Einmal breche ich bis zur Hüfte im eisigen Nass ein. Ich bin froh, dass ich Michael dabei habe, denn alleine hätte ich längst die Orientierung verloren. Nach einer Ewigkeit gelangen wir wieder zu der Kreuzung von heute morgen, an der der 109er herunter zur Pradidali-Hütte abgeht.

Als wir die Schlucht zwischen der Cima Pradidali und der Cima Canali herabsteigen, bleibt auch der verhasste Schnee zurück, nur vereinzelte Schneefelder, von denen wir jeweils glauben, dass es das letzte sein müsse, sägen an unseren Nerven, bis wir letzten Endes die ersehnte Pradidali-Hütte (2278m) erreicht haben. Ein schnuckeliges, an den Fels gebackenes Ding, das uns unwillkürlich an die Fonda Savio-Hütte in der Cadinigruppe erinnert.

Im Vergleich zum gestrigen Abend sind nur wenige Gäste zu beklagen. Wir genießen unsere Spaghetti im „Wintergarten“, einem gläsernen Anbau mit theoretisch guter Aussicht – wenn ausnahmsweise mal Rifugio Pradidali kein Nebel herrscht. Mit der netten, blonden Bedienung, die ein halbes Dutzend Sprachen spricht, dem Hüttenwirt, der überhaut nur italienisch spricht und zwei Amerikanern diskutieren wir die allgemeine Schnee- und Wetterlage und was man sonst noch so machen kann. Wir beide kommen überein, morgen früh zur Velo della Madonna-Hütte hinüberzusteigen.
Kurz vor dem Schlafengehen treffen wir vor der Hütte auf einen freakigen Nachzügler, der gerade vom Gipfel der Fradusta heruntergestiegen sein will. In Ballettschuhen. Er will gleich noch ins Tal runter. Im Dunkeln. Da sind wir froh, dass unsere Heia nur ein paar Treppenstufen entfernt liegt, direkt neben dem Klo.

Meine Gesichtshaut spannt sich seit heute abend ziemlich verdächtig, offenbar habe ich vom Gletscher ein Andenken in Form eines prächtigen Sonnenbrandes mitgenommen. Das ist der Preis, den man zahlen muss, wenn man nicht mit einem so albernen Hut gesehen werden möchte wie der Michael.

2. Tag: Umrundung der Pala Südspitze – Abstieg nach San Martino di Castrozzo

 

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Bedingungen: heiter bis sonnig, heiß

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2. Tag: Umrundung der Pala Südspitze – Abstieg nach San Martino di Castrozzo

Der Morgen startet gewohnt sonnig-wonnig, im Unterschied zu gestern morgen spüren wir allerdings, was unsere nicht mehr ganz taufrischen Gebeine am Vortag alles geleistet haben. Nach dem Colazione erwartet mich eine unangenehme Überraschung: meine Schuhe sind noch immer klatschnass. Dem kleinen Ofen, in dessen Peripherie ich sie gestern abend geparkt hatte, ist wohl relativ bald der Sprit ausgegangen und daher weiß ich jetzt, wie es sich anfühlt, an einem kalten Morgen mit frischen Socken in nasses Schuhwerk hineinzugleiten.
Unser geplantes Tagewerk düfte kurz aber anstrengend ausfallen. Nach einem Abstieg bis hinunter Blick von der Pradidali nach Südenzur Baumgrenze erwartet uns ein 800Hm-Anstieg über den Sentiero dei Cacciatore in Richtung Velo della Madonna-Hütte (2752m). Das Hinunter geht zügig von dannen, freudig registrieren wir, dass die beliebten Schneefelder immer seltener werden und bald fühlen sich meine Füße wieder warm und trocken an. Nach einer Dreiviertelstunde erreichen wir einen ausgetrockneten Bachlauf, die blendend hellen Dolomitbrocken stechen im Schein der Sonne aus dem Grün des Kiefergestrüpps hervor. Ich bemühe mich tunlichst, mein Gesicht und meinen Nacken von der Sonnenstrahlung fernzuhalten.

Nicht weit von der 4-Wege-Kreuzung steht eine Sitzbank und lädt zum Brunch. Vor uns im Westen erhebt sich beeindruckend die Wand, die wir bezwingen müssen. Zwei Männer nähern sich unserem Sentiero dei Cacciatore - die WandRastplatz und machen einen bekannten Eindruck: es sind die beiden Schwaben von der Rosetta-Hütte! Sie waren tatsächlich auf dem Gipfel der Vezzana. Sie kennen auch unseren Weg zur Madonna-Hütte und meinen, die ersten 200Hm seien die anstrengendsten und darauf folge easy going. Michael ist nicht so zuversichtlich, er meint, das könne uns konditionell überfordern. Das weiß man erst, nachdem man es probiert hat. Während die beiden Schwaben talwärts ziehen, überqueren wir den Bachlauf und beginnen den Aufstieg.

Der erfolgt anfangs über eine enge, steile Schotterpiste. Der prallen Vormittagssonne ausgesetzt wird die Sache zu einer ziemlichen Tortur. Nach etwa 200Hm erreichen wir das obere Ende des Schotterrinne. Vor uns sehen wir ein Stahlseil gespannt. Von rechts oben fliegen plötzlich kleine Geschosse heran. Hier können wir auf keinen Fall stehenbleiben. Michael meint, er fühle sich zu schlapp für den weiteren Aufstieg und möchte lieber umkehren. Meine Gegenwehr ist dieses Mal nicht besonders groß – die Aussicht auf irgendwelche halbverschneiten Klettersteige im Nebel hat mich von Anfang an nicht besonders angetörnt. Stickum steigen wir die Piste wieder hinunter zu unserem lauschigen Rastplatz. Dort fassen wir den Entschluss, ins Tal nach San Martino abzusteigen und damit der Pala Arrivederci zu sagen – wenigstens für dieses Jahr.

Über den Abstieg gibt es nicht viel Spannendes zu berichten, außer dass der Höhenweg sich endlos und mit nur wenigen großartigen Aussichtsmöglichkeiten latexmäßig in die Länge zieht. Mit müden Beinen erreichen wir am späten Nachmittag schließlich San Martino di Castrozza. Keine Minute zu früh, denn kaum hat Michael den Wagen geholt, geht ein heftiges Gewitter über uns ab.

3. Tag: Vom Grödner Joch über Große Cirspitze (2592m) zur Puez-Hütte

 

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Bedingungen: heiter bis sonnig, heiß

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3. Tag: Vom Grödner Joch über Große Cirspitze (2592m) zur Puez-Hütte

Noch gestern abend sind wir mit dem Wagen nach St. Christina gefahren, um dort wie vornehme Menschen zu duschen, Pizza zu vertilgen und unter sauberen Bettdecken zu nächtigen. Bei der Frage, was man denn nun mit dem Rest des Urlaubs anfangen solle, erinnerten wir uns des Grödner Jochs, das wir vor vier Jahren bereits passiert hatten und der vielen Attraktionen, die wir damals aus zeitlichen und konditionellen Gründen auslassen mussten. Wir beschlossen also zunächst eine zweitägige Tour über die Puez-Hochebene mit der Intention, diesmal alle Gipfel mitzunehmen, die wir bei unserem ersten Besuch links liegen gelassen hatten.

Nachdem wir Michaels Wagen mit einem etwas mulmigen Gefühl auf dem Parkplatz am Grödner Joch (2124m) sich selbst überlassen haben, machen wir uns sofort an die Hauptattraktion des Passes heran: den nur gut Blick vom Grödner Joch auf die Große Cirspitze400m oberhalb der Straße thronenden Gipfel der Großen Cirspitze (Gran Cir, 2592m). Der Wetterbericht verspricht wiederum Dolomiten-Standardsommerwetter: Sonne am Morgen mit im Tagesverlauf stetig zunehmender Bewölkung, die ab dem Nachmittag in Blitz und Donner kulminieren dürfte.
Der Aufstieg zur Cirspitze verläuft denkbar einfach. Erst einmal über einen Kiesweg, dann durch einen schottrigen Kar, der glücklicherweise zu dieser Stunde noch teilweise im Schatten liegt, denn ins Schwitzen gerät man allemal.Oberer KS an der Cirspitze Es folgt ein Klettersteig. Wir folgen dem Beispiel einiger anderer Berggänger und legen unsere KS-Ausrüstung an – wohl ahnend, dass wir sie kaum ernsthaft benötigen werden. Abgesehen vom Helm vielleicht. Eine rutschige Rinne bildet den Einstieg. Es folgen einige kurze Krabbelpassagen und schließlich ein weiteres gesichertes Stück. Der Weg scheint sich wie ein Korkenzieher den Hang hinauf zu arbeiten. Eine Menge Leute kommen uns bereits von oben entgegen, Zeichen dafür, dass wir spät gefrühstückt haben.

Nach etwa einer Stunde erreichen wir den Gipfel, auf dem ein ordentlicher Rummel herrscht. Plappernde Menschen, surrende Kameras und knisternde Power-Riegel-Verpackungen lassen auf einemCirspitze Gipfelkreuz solchen Pass-Panorama-Berg natürlich niemals auch nur einen Anflug von Beschaulichkeit aufkommen. Immerhin bietet sich uns eine schöne Aussicht auf das Puez-Hochland, das bis auf ein paar winzige weiße Flecken schneelos ist. Welch ein wohltuender Anblick nach der Altopiano della Pala-Show. Am Nordrand erhebt sich der Zwillingsgipfel der Puezspitze (Cima Puez, 2913m), den wir uns für morgen vorgenommen haben.

Der Abstieg führt über den bekannten Weg. Erwähnenswert ist nur, dass uns auf dem Klettersteig ein nervöser Alpenjogger überholt. Der böse Schubiak zeigt dabei wenig Rücksicht gegen andere und erst gar keine wider sich selbst. Mehrmals rutscht er aus und man wundert sich, wie er bei dem Stil überhaupt wieder lebendig im Tal ankommen will.
Leider müssen wir die Höhendifferenz, die wir eben zur Cirspitze hinauf überwunden haben, nun wenige hundert Meter weiter östlich annähernd noch einmal bewältigen – hinauf zum CirjochPuez-Spitzen vom Gipfel der Cirspitze (Passo Cir, 2469m). Statt der altbewährten Taktik, die stets darin bestand, zehn Meter zu rennen und dann solange röchelnd stehen zu bleiben, bis der Puls wieder unter 150 Schläge gesunken war, versuchen wir es heute mit einer neuen Variante: im aeroben Bereich langsam und beständig unter Beibehaltung der normalen Atemfrequenz aufsteigen. Das schont die Reserven, erfordert aber auch eine Menge Reife und Selbstdisziplin, weshalb wir erst mit Mitte dreißig auf diese Idee gekommen sind.

Auf dem Pass bullert die Sonne und ich bemühe mich peinlich, mein zerschundenes Gesicht vor ihr zu verbergen. Neidisch beäugen wir einen Bergsteigerkollegen, der sich genüsslich ein Dosenbierchen Blick auf den Sassongher reinpfeift. Wir beschließen feierlich, dass dieses auch unsere allererste Amtshandlung bei Erreichen der Puezhütte sein soll.
Nach Durchquerung einer kleinen Talsohle erreichen wir das Crespeinajoch (2528m) mit Blick auf den See. Ein steiler Abstieg bringt uns auf die Ebene hinunter. An der Forcella de Ciampac werfen wir einen Blick nach Südosten und unser morgiges Ziel: den kess über dem Tal prangenden Gipfel des Sassongher (2665m).

Der Himmel hat sich fast unbemerkt zugezogen. Auf den letzen Metern zur Hütte beginnt es zu rumpeln und zu tröpfeln. Michael treibt zur Eile. Ich erwische mich bei dem Gedanken, dass so ein Gewitter doch mal ein nettes Abenteuer darstellen würde. Was sollte einem mit Helm und Regenjacke schon ernstes widerfahren können? Doch erreichen wir die Hütte noch trockenen Fußes und genießenHagel auf der Puezhütte auch sogleich das wohlverdiente Radler auf der Terrasse. Mit einem Mal beginnt es zu rappeln und zu rauschen. Zwei Wanderer rennen vom Kamm aus Richtung Puezkofel wie von der Tarantel besprungen zu uns herunter. Erbsengroße Hagelkörner krachen auf die Terrasse, begleitet von einem donnernden Crescendo. Das hätte ich dann doch nicht draußen hautnah miterleben wollen!
Das Schauspiel hält nur wenige Minuten an – ebenso wie unsere Drinks. Wir beziehen unsere Betten und machen es uns dann in der Gaststube gemütlich. Der Wirt, den wir von unserer ersten Dolomitentour noch kennen, hat in den wenigen Jahren viele Haare verloren und scheint mächtig gealtert. Ob es daran liegt, dass man ihm mittlerweile eine Frau als Kollegin vorgesetzt hat? Es wird Gulasch gereicht, bezahlt werden muss im Voraus. Nach reichlich Rommée und Radler ziehen wir uns in unser Gemach zurück. Die 8 bis 10 amerikanischen Zimmerkumpels pennen zum Glück schon.

4. Tag: Puezhütte – Sassongher (2665m) – Grödner Joch

 

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Bedingungen: heiter bis sonnig, heiß

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4. Tag: Puezhütte – Sassongher (2665m) – Grödner Joch

Die Amis müssen gestern eine übermenschliche Tour hinter sich gebracht haben, denn sie schlafen immer noch, als wir unsere Zimmer räumen und uns zu neuen Taten aufraffen. Die Puez-Spitzen (2913m) stehen als erstes auf unserer heutigen Wunschliste. Wir stiefeln den feuchten Südhang des Schwarze Schafe am PuezkofelPuezkofel hinauf und erreichen bald ein komfortables Aussichtsplätzchen oberhalb der Hütte. Hier gibt es wie vielerorts ein paar schwarze Schafe. Um den knubbeligen Gipfel des Kofel herum führt der teilweise recht enge Pfad, auf dem wir hier und da noch die Hagelernte von gestern bewundern dürfen. Der Blick auf die Puez-Spitzen bleibt uns verwährt, eine dicke Wolke hat es sich über dem Doppelgipfel bequem gemacht und scheint sich gar nicht mehr verziehen zu wollen. Im Gegenteil: vom Tal her zischen Nebelfetzen mit atemberaubendem Speed zu uns herauf.

Da wir heute noch eine lange Tour vor uns haben und wenig Zeit, um auf dem Gipfel schönes Wetter abzuwarten, beschließen wir den Abbruch der Besteigung und kehren zur Hütte zurück. Dort schnappen wir unser Gepäck und folgen dem Weg Nummer 5, der in südöstlicher Richtung über die Gherdenacia-Ebene führt, eine Einöde, die vom hässlichen Kegel des Col dala Sonea („Monte Bochum“) beherrscht wird. Der eigenartige Härtling erinnert eher an eine aufgeschüttete Kohlenhalde als an einen rechtschaffenen Dolomitenberg.Sassongher von Norden Hinter dem Passo Gherdenacio treten wir einen verschneiten Hang hinauf und bemerken voller Ungeduld, dass wir immer noch ein gutes Stück vor uns haben. Ein langer, steiler Abstieg bringt uns zu einem Sattel, der unterhalb des Gipfels gelegen einen kanonischen Rastplatz darstellt. Hier zweigt auch der Weg hinunter nach Kolfuschg ab. Der Berg liegt seit einiger Zeit im Nebel, doch nachdem wir so weit gekommen sind, wollen wir auch die letzten Meter in Angriff nehmen.

Nach ein paar sandigen, mit Baumstämmen abgesicherten Metern beginnt der Einstieg in einen Klettersteig. Wir legen das obligatorische Kletterzeug an und stehen mit dieser Maßnahme Beweisfoto ziemliche alleine da. Eine Gruppe US-Bürger stürmt „unten ohne“ an uns vorbei. Zurecht, denn der Kletterspaß ist bereits nach zwei Minuten beendet. An haarigen Abgründen vorbei führt der Weg auf eine Geröllrampe. Wir ärgern uns, die Stöcke am Einstieg zurückgelassen zu haben und treten uns auf den Gipfel hinauf.Blick auf Kolfuschg Von der anfangs erhofften Aussicht ist nichts zu sehen – nur sporadisch gibt das Wolkenmeer hier und da einen Blick auf das 1000m tiefer gelegene Kolfuschg frei. Schade wegen des Wetters, denn dieser Berg hat trotz seiner mäßigen Höhe etwas Grandioses an sich. Eine von zwei etwas reiferen Damen aus dem Allgäu schießt unser Beweisfoto. Die Mitglieder einer italienischen Expedition erreichen nach und nach den Gipfel. Man küsst und beglückwünscht sich zu der erfolgreichen Besteigung mittels Händedruck. Dieses Ritual wirkt so professionell, dass Michael und ich beschließen, derlei auch ab dem nächsten Gipfel zu praktizieren – abgesehen vom Knutschen.

Der Abstieg führt wieder über den Nordwesthang. In einem kleinen Firnfeld am Wegesrand ist das Wort „BEER“ zusammen mit einem Pfeil in Richtung Tal eingraviert, dem wir gerne folgen. Vom Sattel bringt uns ein mühsamer Abstieg bis beinahe hinunter an die Baumgrenze. Leider sind wir hier Blick zurücknoch ein mächtiges Stück vom Grödner Joch entfernt. Jede lange Tour hat ihren Punkt, an der die Quälerei beginnt und man sich nichts sehnlicher wünscht, als an ihrem Ende zu sein. Eine Skipiste hinauf, durch ein Kiefernwäldchen. Es beginnt immer wieder zu regnen. Am gegenüberlegenden Ende des Tals baut sich die gigantische Sella auf. Allmählich erreichen wir die Höhe des Val di Mezdi. Nur nicht denken. Immer einen Fuß vor den anderen setzen. Der Pisciadú-Klettersteig. Das Val Setus. Wirkungsstätten vergangener Jahre. Endlich das Grödner Joch. Das Auto ist noch da und hat den gestrigen Meteoritenschauer schadlos überstanden. Wir fahren noch heute die wenigen Kilometer hinüber nach Alta Badia, wo wir uns für die beiden letzten Tage in San Cassiano einquartieren wollen.

5. Tag: Tagestour: Peitlerkofel (2875m)

 

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Bedingungen: heiter bis sonnig, heiß

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5. Tag: Tagestour: Peitlerkofel (2875m)

Der Peitlerkofel stellt eine Art Osterweiterung der Aferer Geiseln dar. Allerdings steht er relativ frei in der Gegend herum, was ihn zu einem knackigen Kandidaten für eine eintägige Peitler vom Würzjoch aus gesehenGipfeltour macht. Der kürzeste und bequemste Anstieg erfolgt vom Würzjoch aus. Die Fahrt von San Cassiano hierhin hat uns locker flockig eine dreiviertel Stunde gekostet. Rechnet man das späte Frühstück in der Pension dazu, wundert es nicht, dass wir heute keinesfalls die ersten Gipfelstürmer sind. Auf dem Weg vom Hotel über seichte Wiesenwege überholen wir einige Gruppen Gleichgesinnter, die beeindruckende Silhouette des Peitler stets zur Linken vor dem wenig beeindruckenden Grau des verhangenen Himmels.

Nach einem Weilchen wird der Weg enger und windet sich um einen Geröllhang auf die letzten Ausläufer der Aferer Geiseln zu. An seinem tiefsten Punkt wendet sich der Pfad nach links und Aufstieg zum Peitlerjochoffenbart ein enges Flusstal, das hinauf zur Peitlerscharte führt. Wir erfrischen uns am sprudelnden kalten Wasser, als uns ein älterer Signore anspricht. Die Unterhaltung gestaltet sich schwierig, da wir kein Italienisch sprechen und er weder Deutsch noch Englisch. Mit Händen und Füßen bringt er uns bei, dass er uns wohl am Sonntag („domingo“) in der Pala hat umherlaufen sehen. Da bestätigt sich die alte Theorie, die da sagt: die Welt ist klein und die alpine sowieso. Bis zum Gipfel seien es noch anderthalb Stunden. Wir lassen ihn ziehen, er ist einer von diesen zähen Gräten, die es stets schaffen, die in den Wanderführern abgedruckten Zeiten einzuhalten, weil sie niemals Pausen brauchen.

Schließlich erklimmen wir den wenig anspruchsvollen Pfad hinauf zur Scharte (2361m), wo eine Batterie von Holzbänken zur Nahrungsaufnahme einlädt. Der stramme, böige Wind lässt die Luft viel kälter erscheinen, als sie in Wirklichkeit ist. Nach ausgiebiger Erholungspause sind wir gut durchgefroren. Das ändert sich schnell, als wir uns nach Norden wenden und beginnen, die grünen Wiesen hinaufzutreten. Ein sehr einfacher aber anstrengender Weg, der in Serpentinen auf ein Plateau hinaufführt. Hier oben hat sich die steife Brise mittlerweile in einen ausgewachsenen Sturm verwandelt.

Manchmal muss ich mein ganzes Gewicht gegen den Luftstrom stemmen, um voranzukommen. Zur Rechten erwartet uns der Einstieg in den Klettersteig, der zum Hauptgipfel führt. Wir beschließen, Auf dem kleinen Gipfelzunächst den Nebengipfel („Kleiner Peitler“, 2813m) anzugehen. Der ansonsten einfache Weg wird heute zu einer spannenden Angelegenheit, muss man doch fürchten, ein hinterhältiger Windstoß könne einen einfach aus den Socken hauen. Geduckt kämpfen wir uns die seichte Rampe hinauf, stets mit respektvollem Abstand zuBlick nach Süden: Puezspitzen, Piz Duleda, Geislerspitzen allem, was irgendwie nach Böschung riecht. Endlich oben! Ich verkrieche mich in eine kleine Mulde zwischen Gipfel und einer Schneerolle am Westrand. Lange halten wir es hier nicht aus, die Finger sind bald kobaltblau vor Kälte. Zurück am Einstieg zum Hauptgipfel beraten wir uns. Auf dem Klettersteig sind wir dem Orkan wahrscheinlich nicht so sehr ausgesetzt, doch werden wir uns anschließend auf dem freistehenden Gipfel überhaupt halten können? Die Diskussion nimmt ein jähes Ende, als uns eine ganz besonders fiese Böe wortwörtlich von den Beinen reißt. Wir kauern ängstlich am Boden, bis es nach zwanzig oder mehr Sekunden endlich vorbei ist und wir wieder aufstehen können.

Zehn Jahre meines Lebens habe ich in Schleswig-Holstein verbracht und der „Blanke Hans“ hat es nicht einmal geschafft, mich von den Füßen zu hauen. Da bestätigt sich schon wieder eine alte Theorie: nirgends ist das Klima garstiger als im Hochgebirge. Die Peitlerbesteigung ist somit storniert, wir kriechen vorsichtig zurück und erreichen glücklich die Aufstiegswiese, wo nur sporadisch ein strammes Lüftchen an das Inferno da oben erinnert. An der Peitlerscharte treffen wir auf eine andere Gruppe, die ihren Versuch ebenfalls abgebrochen hat. Man rechtfertigt sich gegenseitig seine Entscheidung. „Nö, das ging einfach nicht!“ „Ist besser so!“ „Ne ne, das wäre Wahnsinn gewesen!“ „Oh Gott, meine Frisur!“ Schade trotzdem. Auf dem Rückweg beginnt es zu regnen. In einer Trinkhalle kurz vor dem Würzjoch nehmen wir schon mal einen Kleinen auf den Schrecken. In jedem Fall war das ein heute ausgewachsenes Abenteuer – und dafür geht man morgens gerne aus dem Haus.

6. Tag: Tagestour: Heiligkreuzkofel (2908m)

 

Gipfel:

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Bedingungen: heiter bis sonnig, heiß

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6. Tag: Tagestour: Heiligkreuzkofel (2908m)

Erst beim Frühstück in unserer Pension in San Cassiano schaffen wir es endlich, uns für einen würdigen Endgegner zu entscheiden. Kreuzkofelbahn Die Wahl fällt auf den Heiligkreuzkofel, jenes kleine Sahnehäubchen auf dem faszinierenden Ringwall des Kreuzkofelmassivs, auf dessen Besteigung wir im letzten Jahr wegen schlechten Wetters verzichten mussten. Leider sind die Frühstückszeiten in den meisten Pensionen recht spät, dazu müssen wir noch packen und uns über die Aufstiegsroute streiten. Ich bevorzuge die Klettersteig-Variante quer durch die Westwand, Michael den Schotterkar hinauf zur Medes-Scharte.

So ist es bereits halb elf, als wir mit freundlicher Unterstützung der Kreuzkofelbahn auf 2045m über NN am Hospiz stehen. Eingedenk der jetzt schon tief stehenden Wolken entscheiden wir uns für die längere „Idioten-Tour“ durch den Schottertrog. Angesichts der senkrechten MauerTreten treten treten... vor uns fällt es mir auch schwer zu glauben, dass dort irgendwo ein halbwegs regensicherer Weg hinaufführt. Wir halten uns an den Weg Nummer 15, der an der großen Baustelle vorbei durch einen kargen Wald nach Süden führt. Konzentrisch zum Ringwall windet sich der Weg, bis wir uns nach etwa 40 Minuten an einer leicht zu übersehenden Abzweigung links halten. Nach insgesamt einer Stunde finden wir uns endlich am Fuße der gigantischen Geröllrampe, ohne eine einzigen Höhenmeter gut gemacht zu haben.

Etwa 550Hm liegen vor uns bis zum Pass. Der Schutthang verläuft mit jedem Meter steiler und der Schotter wird nach oben hin immer feiner und schlüpfriger. Auf der allerletzten Etappe verliert Am Kreuzkofelpass: Zehnerspitze voraussich der Weg vollständig – hier ist unkontrolliertes Krabbeln, Rutschen und Um-sich-Treten angesagt. Dieses Erlebnis hätte ich gerne gegen den Klettersteig eingetauscht. Nach anderthalb Stunden Aufstiegszeit erreichen wir glücklich die Scharte (2591m) und wir dürfen zum ersten Mal einen Blick in das Innere des Kraters werfen. Auf dem Kamm in Richtung Norden reihen sich die Gipfel von Heiligkreuzkofel, Zehnerspitze und Neunerspitze eindrucksvoll auf. Der Boden ist grüner, als man von einem Mondkrater allgemein erwartet und bildet tatsächlich eine große Alp.

Der offizielle Weg führt nun in Richtung Nordosten zu dieser Alm hinunter. Das erscheint uns ein Auf zum Hlg-KKunnötiger Um- und Abweg. Wir folgen lieber einigen alten Markierungen und Trittspuren, die sich den Hang enlang ziehen, sich aber bald verlieren und nach einigen Wirrungen müssen wir schließlich doch ganz hinunter steigen. Neben Grasmatten machen sich löcherige Kalkplatten auf dem Boden breit. Die anscheinend bodenlosen Minidolinen erweisen sich als gefährliche Stolperfallen. Die Kreuzkofelwand von obenSchließlich erreichen wir wieder den Grat. Ein Blick auf die Uhr mahnt uns zur Eile. Eine erste Hochrechnung ergibt, dass wir knapp dran sind, wenn wir die letzte Bahn ins Tal heute abend noch erwischen wollen – die, wie wir gelesen zu haben glauben, um 18 Uhr geht. Wir beschließen eine „Blitzbesteigung“ und machen von nun an „Speed“. An unbeschreiblichen Abgründen vorbei ächzen wir auf den Gipfel zu. 300Hm, zumeist über Schotter, technisch nicht im geringsten anspruchsvoll, doch die Pumpe leistet Schwerstarbeit.

Endlich oben! Wir erproben unsere neue Zeremonie: Shake Hands. Klappt auf Anhieb. Durchatmen. Die Aussicht genießen – soweit die Wolken es zulassen. Blick auf die Varella (3034m) – ein leichter Der Letzte wird der erste sein?und interessanter Dreitausender. Nebenan die Zehnerspitze (3023m) – nur einen kleinen Klettersteig entfernt. Für uns heute zu weit. Wir müssen den Abstieg in weniger als drei Stunden schaffen, andernfalls erwarten uns noch einmal knapp 700Hm als Zugabe. Die letzten Schokoriegel Zehnerspitze al ladoessen. Und wieder los. Wir geben mächtig Gas, machen nur am Medes Pass eine kurze Pause, stolpern die Schotterrampe hinunter. Auf dem finalen Waldstück folgt ständig der Blick auf die Uhr – „Los, das können wir noch schaffen!“ Immer schneller, die Füße laufen von alleine, hüpfen über Steine und Wurzeln, bevor sie das Bewusstsein überhaupt wahrgenommen hat. Eine Art von wahnsinniger Trance. Werde ich jemals wieder anhalten können? Das Kloster ist in Sicht. Es beginnt zu hageln. Ich fingere meine Regenjacke aus dem Rucksack, Michael rennt an mir vorbei zur Bahnstation, als die Glocke des Hospiz sechs Uhr schlägt. Zu spät? Einmal gestoppt, kann ich plötzlich nicht mehr laufen. Michael kommt zurück, meint, die letzte Bahn sei schon vor fünfzehn Minuten gefahren. Die ganze Rennerei vergebens. Zwei weitere Stunden Abstieg mit schmerzenden Knochen scheinen unausweichlich. Ein Jeep kommt vom Hospiz herunter. Ich halte den Daumen raus. Der Jeep hält an. Drei Lolitas sitzen drin. Uns kümmert es nicht, dass die Fahrerin noch viel zu jung für einen Führerschein aussieht. Sie nimmt uns mit nach Pedraces. Wie so oft waren unsere Mühen auch diesmal nicht umsonst.

© Stefan Maday 9.4.2005